WINTER DES LEBENS

Geschrieben am 25.07.2025
von Joachim Heisel


Demenz heißt Abschied auf Raten. Meine demenzkranke Mutter wusste kaum mehr, wie sie hieß. Manchmal erkannte sie mich auch nicht mehr und fragte mich, ob ich ihr Vater sei, wobei meine Sorge für sie durchaus der Sorge eines Vaters für ein Kind nahe kam. Sie wusste auch nicht mehr, dass sie vierzig Jahre mit meinem Vater verheiratet war. Sie wusste  nicht mehr, wo sie überall gewesen war, was sie früher alles getan hatte, wer ihre Freunde waren und wo sie wohnte. Am Schluss  konnte sie auch  nicht mehr sprechen und sich auch  kaum mehr bewegen. Und doch war ihr Gesicht das gleiche geblieben, dieselben Züge, wenn sie lachte oder schrie oder wenn sie sich mit einem Kuss bedankte.
Es war wie bei einem Geigenvirtuosen, der auf einem defekten Instrument spielen muss, weil er kein anderes zur Verfügung hat. Der Kern ihrer  Person war noch da, aber  konnte  nicht mehr nach außen treten. Man könnte vielleicht auch sagen: Die Seele war noch da. 
Niemand weiß, was in meiner Mutter vorging. Es ist ein Geheimnis.

Die Neurobiologie will uns dazu verführen, die Seele auf Hirnfunktionen in bestimmten Arealen des Gehirns zu reduzieren. Es gelingt ja sogar in bildgebenden Verfahren, Reaktionen wie Freude oder Trauer darzustellen. Aber die menschliche Seele ist viel mehr: Sie ist etwas Geistiges, das selbst dann noch aufleuchtet, wenn ihr bevorzugtes Organ, das Gehirn, defekt ist und nach christlichem Glauben den Tod überdauert.

Deshalb habe ich auch auf den Totenzettel meiner Mutter das Wort des heiligen Paulus aus dem 2. Korintherbrief schreiben lassen:

Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ewig.

Nächster Blogbeitrag 30.7.25