Der lateinische Ausdruck für Geduld heißt patientia, was mit dem lateinischen Wort pati (leiden) zusammenhängt. Geduld ist kein bloßes Abwarten. Das deutsche Wort Geduld kommt von dulden und bezeichnet die Fähigkeit zu warten oder etwas zu ertragen. Geduldig ist, wer Schwierigkeiten oder lästige Situationen mit Gelassenheit und Standhaftigkeit erträgt. Das Gegenteil von Geduld ist Ungeduld.
Geduld bedeutet nicht, die Hände in den Schoss legen. Wahre Geduld bedarf der Klugheit, um zu unterscheiden, wo ich abwarten kann und wo ich handeln muss. Geduld weiß zu unterscheiden zwischen Dingen, die man ändern kann und die nicht zu ändern sind.
Frauen sind mehr für die Geduld geschaffen als Männer. Sie tragen ein Kind neun Monate in ihrem Leib bis es geboren wird und müssen noch unendlich viel Geduld haben bis dieses unfertige Wesen, das ihnen in den Arm gelegt wird, schließlich erwachsen wird.
Ich bewundere Mütter und auch Väter, wenn sie mit den Kleinen unterwegs sind und es vielleicht eilig haben: Die Kleinen bleiben stehen und bücken sich, um einen Stein aufzuheben oder ein Blümchen zu pflücken und die Eltern müssen warten und sie ermahnen, doch endlich weiterzulaufen. Einige Freunde mit kleinen Kindern sagen mir jetzt, wie sie es genießen, Zeit zu haben und nicht auf die Uhr schauen zu müssen, wenn sie mit ihren Kindern spielen. Wir lernen dann Dinge, die wir sonst nicht lernen würden.
Geduld ist ein bescheidenes, bisweilen verachtetes Pflänzchen in unserem Seelengarten und wird in unserer Gesellschaft nicht besonders geschätzt.
Es gibt das geheimnisvolle Wort Christi: „In den Geduld werdet ihr eure Seele besitzen" (Lk 21,9). Geduld ordnet die Gefühle der Seele und sorgt dafür, dass wir uns „im Griff haben“, z.B. dass wir nicht bei jeder stressbehafteten Gelegenheit ausrasten oder „den Geduldsfaden verlieren".
Bei Trauungen wird auf Wunsch der Brautleute oft die Stelle über die Liebe aus dem ersten Korintherbrief des heiligen Paulus (1 Kor 13,1-13) vorgelesen. Darin heißt es: die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie ereifert sich nicht.
Gott hat viel Geduld mit der Welt. „Er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechten und Ungerechten" (Mt 5,45). Er hat die Welt nicht nur geschaffen, sondern erhält sie auch in der Existenz. Das ist nicht selbstverständlich. In der indischen Mythologie hat Gott Shiwa in einem Begeisterungstaumel die Welt geschaffen. Wenn er ihrer überdrüssig geworden ist, wirft er sie weg wie ein Kind, das sein Spielzeug nicht mehr mag, und schafft eine neue Welt in einem ewigen Kreislauf.
Der Gott der Bibel ist anders. So heißt es im Psalm 144:
Mild und barmherzig ist der Herr,
langsam im Zürnen und reich an Gnade.
Der Herr ist gütig für alle Wesen,
barmherzig für alles, was er geschaffen.
Im Lukasevangelium (Lk 13,6-9) erzählt Jesus als Gleichnis für die Geduld von einem Feigenbaum, der keine Frucht bringt und den der Eigentümer des Gartens deshalb ausreißen will. Der Gärtner überredet ihn, dem Baum noch eine Chance zu geben und mit dem Umhauen noch zu warten in der Hoffnung, dass er doch noch Früchte bringt. Mit diesem Gleichnis will Jesus uns sagen: Gott hat Geduld mit uns und mit der Welt.
Auch Christus hat viel Geduld mit seinen Jüngern gehabt. Nachdem die Jünger fast drei Jahre bei ihm „in die Lehre“ gegangen waren, stritten sie sich noch kurz vor seinem Leiden darüber, wer von ihnen der Größte sei (Lk 22,24). Auch wollen sie, dass er Feuer vom Himmel schickt, um ein Dorf zu bestrafen, das sie nicht bereitwillig aufgenommen hatte. Sie hatten offensichtlich wenig von der Botschaft ihres Meisters verstanden. Christus aber hatte weiter Geduld mit ihnen, auch mit dem großspurigen Petrus, der versprach, mit ihm in den Tod zu gehen und ihn dann gleich drei Mal verleugnete. Er hat ihn trotzdem zu Großem berufen.
Alles Leben erfordert Geduld. Das müssen auch wir lernen. Vielleicht erinnern wir uns noch an unsere kindliche Ungeduld, wenn wir nicht erwarten konnten, dass ein Pflänzchen, das wir im Garten unter Anleitung der Eltern gepflanzt hatten, nicht sofort grüne Blätter zeigte und wir anfingen an ihm zu zupfen.
Geduld ist gütig. Sie traut dem anderen eine gute Entwicklung zu. – „Aus dir wird ja nie was“, sagte der Vater eines Patienten immer wieder zu ihm und hatte damit einen Satz in die Welt gesetzt, der den Patienten ein Leben lang verfolgte.
Gott spricht nie so. Er gibt uns immer wieder eine Chance. Er will auch, dass wir Krisen als Chancen nützen und in der Geduld wachsen, denn in der Geduld werden wir unsere Seele besitzen… (Lk21,9).
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