WEISSER STEIN

Geschrieben am 20.03.2026
von Joachim Heisel


Selbstverwirklichung
 
Der Mensch ist Gabe Gottes und zugleich auch Hingabe  an Gott und die anderen aber auch für sich selbst. Man sagt heute, dass höchstes Ziel des Menschen die „Selbstverwirklichung“ sei. Im letzten Buch der Bibel, der sogenannten Geheimen Offenbarung (2,17) gibt Gott jedem Menschen einen symbolischen weißen Stein in die Hand: „Ich werde ihm einen weißen Stein geben, und auf dem Stein ist ein neuer Name geschrieben, den nur der kennt, der ihn empfängt“. Der weiße Stein steht  für die einmalige und unwiederholbare Beziehung zu Gott, unserem Vater, in die jeder Mensch zu Beginn seiner Existenz eintritt und die seine Vollendung im „Reich des Vaters“ findet (Mt 26,29). Der Stein, den er dann empfängt, ist seine eigentliche Identität. Nur er und der Vater kennen sie. Es ist die Summe dessen, was sein Leben im Lichte der Liebe des Vaters ausgemacht hat. Im Schmelzofen der Liebe Gottes werden alle Ungereimtheiten, alle Halbherzigkeiten und Irrwege der Liebe umgeschmolzen in das lautere Gold immerwährender Liebe zu Gott und den Menschen.
 
Benedikt XVI. schildert in seiner Enzyklika Spe salvi in Anklang an den Ersten Korintherbrief sehr bewegend den geheimnisvollen Augenblick unserer Begegnung mit Christus nach dem Tode: „Vor seinem Anblick schmilzt alle Unwahrheit. Die Begegnung mit ihm ist es, die uns umbrennt und freibrennt zum Eigentlichen unserer selbst. Unsere Lebensbauten können sich dabei als leeres Stroh, als bloße Großtuerei erweisen und zusammenfallen. Aber in dem Schmerz dieser Begegnung, in der uns das Unreine und Kranke unseres Daseins offenbar wird, ist Rettung. Sein Blick, die Berührung seines Herzens heilt uns in einer gewiss schmerzlichen Verwandlung „wie durch Feuer hindurch“. Aber es ist ein seliger Schmerz, in dem die heilige Macht seiner Liebe uns brennend durchdringt, so dass wir endlich ganz wir selber und ganz Gottes werden. So wird auch das Ineinander von Gerechtigkeit und Gnade sichtbar: Unser Leben ist nicht gleichgültig, aber unser Schmutz befleckt uns nicht auf ewig, wenn wir wenigstens auf Christus, auf die Wahrheit und auf die Liebe hin ausgestreckt geblieben sind…Der Schmerz der Liebe wird unsere Rettung und unsere Freude…Das Gericht Gottes ist Hoffnung sowohl weil es Gerechtigkeit wiewohl weil es Gnade ist“.
 
Man kann es auch so sagen: Bei Gott wird erst ganz offenbar, dass wir geliebte Kinder sind. Jeder wird sich ganz geliebt fühlen. Es wird keinen Neid geben, kein missgünstiges Vergleichen. Es will auch niemand mit dem Anderen tauschen, denn jeder fühlt sich auf einmalige und unwiederholbare Weise geliebt und selbst unsere Fehler, unser Versagen und unsere Unvollkommenheiten sind aufgehoben in dieser individuellen Liebesbegegnung mit Gott.
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