Es gibt doch immer wieder Neues zu entdecken. Bei einer Bahnfahrt durch das Allgäu sehe ich zum ersten Mal bewusst, wie lang die Schatten sind, die die Hügel in der Abendsonne werfen. Und bei einem Spaziergang an der Isar beobachte ich an einem Märzmorgen, wie auch die kleinen Steine Schatten auf dem Wege werfen.
Um das zu entdecken, habe ich viele Jahre gebraucht. Es gibt Dinge, an denen wir jahrelang achtlos vorübergehen, ehe wir sie manchmal zufällig entdecken. Nicht immer sind es die großen Dinge, die uns den Blick für Wesentliches im Leben öffnen. Auch in der Beziehung zu anderen Menschen kann es passieren, dass wir erst nach Jahren entdecken, dass wir einander wirklich gern haben.
Ein Patient kam strahlend in die Praxis und erzählte mir: „ Zwischen mir und meiner Frau ist etwas wie ein zweiter Frühling, und das, obwohl wir schon dreißig Jahre verheiratet sind“. Im Rahmen einer psychischen Krise hatte der Patient seine Koffer gepackt und wollte aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen. Als sich beide auf dem Flur noch einmal begegneten, sahen sie sich beide an, brachen in Tränen aus und umarmten sich. Sie gestanden sich nach langen Jahren, dass einer ohne den anderen nicht leben kann.
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