KASTEN BIER

Geschrieben am 03.07.2026
von Joachim Heisel


Wieder einmal sitze ich auf der Bank unter einem großen schweren Betonkreuz, das in den dreißiger Jahren der Ortspfarrer oberhalb  dem kleinen Ort Kreuzweingarten hat errichten lassen. Vom Hang darunter steigt der abendliche Duft von Gräsern und Blumen zu mir herauf und mit ihm die Erinerung an eine Szene von einen  Juniabend vor einigen Jahren.

Die Sonne war schon vor dem Untergang und tauchte mit ihrem zerschmelzendem Licht das frische  Laub der Bäume vor einem durchsichtigen blauen Himmel in verschwenderisches leuchtendes Grün. In solchen Momenten möchte man gerne an den Himmel glauben, denn so könnte es einmal sein. So könnte es bleiben. 

In meiner Hand hatte ich das Buch von Klaus Berger: „Wie kommt das Ende der Welt?" Während ich so über das Ende nachdenke, kommt ein junges Paar den Berg hinauf, noch halb außer Atem, denn sie haben zahlreiche Flaschen mit Bier dabei und setzen sich neben mich auf die Bank. Der junge Mann erzählt von der Arbeit des Tages, wie er einen schweren Lastwagen abgeschleppt hat. Er legt seinen Arm um die Hüfte des Mädchen. Sie erzählt von den Pfadfindern und von Baden-Powell, dem Gründer der Pfadfinderbewegung, und wie er als Soldat bei der englischen Armee einmal mit ein Paar Papp-Soldaten eine ganze Kompanie ohne einen einzigen Schuss in die Flucht geschlagen hat. Der junge Mann zündet sich eine Zigarette an und fragt erst danach, ob er rauchen dürfe. „Ich kenne das, sage ich, ich war selber mal Raucher.“ Jetzt rauchen beide, er und das Mädchen, und mir zieht der verwehende Rauch in die Nase.

„Aber warum sitzen wir eigentlich hier?“, fragt das Mädchen. „Alles Schicksal“, antwortet der junge Mann. „Ich war vier Jahre beim Bund, das war auch Schicksal!“ Ich denke, wenn ich schon hier sitze und ihren Rauch einatmen muss, will ich auch was dazu sagen.   „Aber Schicksal allein macht doch keinen Sinn“, sage ich und schaue in die Sonne. Nun zeige ich ihm den Titel meines Buches, damit er versteht, warum ich so tiefsinnige Gespräche anfange: „Wie kommt das Ende der Welt?" Er liest es, zieht an seiner Zigarette und sagt: „Möglichst rasch und schmerzlos. Mein Opa hat sich noch einmal bei uns verabschiedet und ist dann nach einer Woche im Koma gestorben, nachdem er eine Lungenentzündung bekommen hatte, weil er im kalten Regen spazieren gegangen ist."

Der junge Mann meint noch zum Titel des Buches: „Wer viel fragt, bekommt auch viele falsche Antworten."  Eigentlich keine dumme Antwort, denke ich. Aber da es schon langsam kühl wird, sage ich nur noch: „Also dann schönen Abend und kommen Sie gut nach Hause" -  auch mit einem Blick auf den Kasten Bier.

Als ich wieder zuhause bin,  lese ich in dem  Buch von Klaus Berger weiter das Zitat aus dem Römerbrief (8, 18-25):

Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin: Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.

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