Aus dem Buch von Tobias Haberl „Unter Heiden":
Freiheit ist eine grandiose Sache, ich finde aber schon, dass man eine Ahnung davon haben sollte, was man mit ihr anstellen möchte. Ein Mensch, der immer nur tut, was er will, kann nicht frei sein, weil er immer etwas tun muss, um sich frei zu fühlen. „Wenn Gott tot ist, dann ist alles verboten" , schreibt der Psychoanalytiker Jacques Lacan. Das bedeutet: je mehr man sich selbst als Atheist wahrnimmt, desto stärker wird das eigene Unbewusste von Verboten, beherrscht, die das Genießen sabotieren. Anstatt Freiheit zu bringen, führt der Sturz der Unterdrückungsinstanz zu neuen und strengeren Verboten. Anders der Glaube: Er schränkt die Freiheit nicht ein, sondern macht sie erst möglich, freilich eine andere Form von Freiheit als die, zwischen 100 verschiedenen Handyverträgen wählen zu können. Eine Freiheit in der Form innerer Fülle, die nicht gefunden werden muss, weil sie immer schon da ist. Eine Freiheit, die nicht überfordert, weil sie die Gier nach dem Immer-mehr überflüssig macht. Eine Freiheit, die einen erkennen lässt, dass alles, was geschieht, gut und richtig ist, auch wenn man es oft erst später versteht. „Was ich tue, verstehst du jetzt nicht, doch später wirst du es begreifen", sagt Jesus zu Petrus, bevor er ihm am Abend vor seinem Tod die Füße wäscht Diese Freiheit lässt sich nicht kaufen, man bekommt sie geschenkt, trotzdem ist sie nicht umsonst. Wer erfahren möchte, wie man zu sich selbst kommt, indem man von sich weggeht, muss zu einer radikalen „Kehre" der Existenz (Martin Heidegger) bereit sein, weil sich für den Gläubigen nicht nur die eigenen Prioritäten verschieben, sondern auch das Verhältnis zu anderen Menschen, zur Arbeit, zur Zeit und zum Tod.
Wie sieht diese Kehre aus? Als Jesus den Zöllner Matthäus erblickt, sagt er nur ein einzigen Satz: „Folge mir nach!" Er stellt sich nicht vor und erklärt auch nicht, warum Matthäus ihm nachfolgen soll. Eine Zumutung? Absolut! Schließlich handelt es sich um keinen Vorschlag, sondern um eine Aufforderung, einen Befehl. Matthäus dürfte sich ordentlich überrumpelt gefühlt haben: Meint dieser Fremde wirklich ihn, den ungeliebten Steuereintreiber, mit dem die meisten nichts zu tun haben wollen? Und wenn ja, warum sollte er ihm folgen? Was ist das Ziel der Gefolgschaft? Gibt es überhaupt eines? Matthäus hat keine Ahnung, worauf er sich einlässt. Er ist diesem sonderbaren Mann nie zuvor begegnet, Trotzdem steht er auf und folgt ihm. Indem er gegen jede Wahrscheinlichkeit vertraut, führt er vor, was Glauben bedeutet, nämlich das Leben, dass man geführt hat, zurückzulassen, um sich auf ein neues einzulassen, das man noch nicht kennt. Caravaggio hat die Szene um 1600 gemalt: Die Berufung des Heiligen Matthäus hängt in der Kirche San Luigi dei Francesi in Rom, ein epochales Hell – Dunkel – Gemälde, das den Einbruch des Göttlichen in die banale Wirklichkeit zeigt – aus einem Menschen wird ein Heiliger.
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