ZIERFISCHE

Geschrieben am 14.10.2026
von Joachim Heisel


Thomas von Aquin (1225 - 1274 n. Chr.) sagt einmal sinngemäß: Der Mensch strebt von seiner ganzen Natur danach, glücklich zu sein und er kann nicht anders als glücklich sein zu wollen. – So ist jede Hoffnung letztlich die Hoffnung, glücklich zu sein, und alle Handlungen und das ganze Fühlen und Denken eines Menschen kreisen um die Frage: Wie kann ich glücklich sein?

Die ganze antike Philosophie kreiste um die Eudaimonia, die Lehre vom glücklichen Leben. 
Die antiken Philosophen versuchten durch Verhaltensregeln und Wissensvermittlung, dem Menschen den Weg zum Glück zu zeigen. Durch Erkenntnis sollte der Mensch sein Glück finden. Die Stoiker empfahlen den Menschen, sich gegenüber dem eigenen Schicksal möglichst gleichmütig zu verhalten, um zu große Leiden zu vermeiden. Epikur lehrte, der  Mensch solle das Leben genießen und solange man noch lebe, brauche man den Tod nicht zu fürchten, denn wenn der Tod da sei, sei man auch selbst nicht mehr da.  Wenn Epikur (341 - 271 v. Chr.) die Möglichkeiten der modernen Medizin mit verlängerten Krankheitszuständen zwischen Leben und Tod gekannt hätte, hätte er das so vielleicht nicht  gesagt.

In den letzten Jahrzehnten hat die Lehre von Siddharta Gautama, auch Buddha genannt  (geboren 563 v. Chr.), in Europa und Deutschland großen Einfluss gewonnen. Er sieht die Ursache von Leid und Leiden, dem Gegenteil von Glück, im Anhaften an die wechselnden Empfindungen von Glück und Leid in  der eigenen Existenz und sieht  in der Abkehr davon und einem tugendhaften Leben die Erlösung in einem Nirvana, in dem die individuelle Existenz als Ursache des Leidens aufgelöst und erlöst wird.

Tatsächlich sind die  Hoffnungen dieser Welt immer nur vorläufig, aber deshalb müssen sie nicht schlecht sein. Die Hoffnung, einmal erwachsen zu werden, einen Platz im Leben, die Liebe zu finden sind große Hoffnungen, die gerade junge Menschen über viele Jahre in Bann schlagen können. Es sind aber gerade auch die kleinen Hoffnungen des Alltags, die uns den manchmal schweren Weg durch das Leben erleichtern. Die Hoffnung nach einem langen Winter noch einmal einen Frühling zu erleben oder wie dieses Jahr nach einer brutalen Hitze einen milden warmen Herbst, kann einem alten Menschen die Kraft geben, noch einmal eine schwere Krankheit zu überwinden.

Gerade im Alter, wenn der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist, spielen konkrete Alltagshoffnungen und –freuden mit dem Wunsch, sie noch recht lange genießen zu können, eine wichtige Rolle. Dazu gehören: Besuche von Angehörigen und Freunden, Kindern und Enkelkindern aber auch die Pflege und Entwicklung von liebgewordenen Hobbies oder Reisen und das Wachhalten geistiger Interessen. Wenn sich an Feiertagen oder in den Ferien das „leere Nest“ wieder mit Enkelkindern füllt, ist das vor allem für Frauen ein starkes Lebenselixier.

Vor einiger Zeit musste ich einen Patienten, der allein in seiner Wohnung lebte und der schwer an Diabetes und dessen Folgen erkrankt war, ins Krankenhaus einweisen. Während ich die Einweisung schrieb, fiel mein Blick auf ein großes Aquarium mit bunten Zierfischen und wir kamen darüber in ein Gespräch. Der alte Herr erzählte mir, dass er stundenlang vor dem Aquarium sitzt und sich an den Fischen freut und wie schwer es ihm fällt, ins Krankenhaus zu gehen und sich von seinen Fischen zu trennen. Ich tröstete ihn, dass er wahrscheinlich bald wieder bei seinen Fischen sein könnte. Als er nach einer Woche nach Hause kam, strahlte er über das ganze Gesicht vor Freude, dass er wieder bei seinen Fischen war.

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