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DURCH DIE STRASSEN DES VIERTELS

Geschrieben am 04.06.2020
von Joachim Heisel


Dieser Tage sind mir bei einem Gang durch die Strassen des Viertels, wo ich 34 Jahre als Hausarzt tätig war, die vielen Menschen mit ihren Schicksalen in Erinnerung gekommen, die all die Jahre meine Patienten waren. Sie sind Teil meiner Biografie geworden und ich selber bei vielen über all die Jahre auch Teil ihres Lebens. Wenn ich an den Häusern vorbeigehe, fallen mir ihre Geschichten wieder ein, manchmal traurige aber auch erbauliche und lustige Geschichten. So kam eines Tages eine Patientin in die Sprechstunde, weil sie glaubte, in der Nacht wäre eine Maus ihr in den offenen Mund gelaufen (ins Moi glaffen). Als ich ihr dann vorschlug, mittels einer Gastroskopie nach der Maus zu suchen, war sie nicht einverstanden und meinte, vielleicht habe sie doch nur geträumt. Es gab Menschen, die ihr Schicksal bewundernswert gemeistert haben. Viele haben sich für ihre Angehörigen aufgeopfert, um ihnen in Krankheit und Alter beizustehen. Ich erinnere mich auch an ein Ehepaar, die ein Kind mit Down-Syndrom hatten. Es war ihr einziges Kind und sie haben es sehr geliebt. In einer Familie wurde über viele Jahre der Vater gepflegt, der nach einem Narkosezwischenfall im Koma lag. Oft waren es auch Nachbarn und Freunde, die sich ganz selbstverständlich um Einsame und Kranke gekümmert haben. In einem Fall erzählte mir eine Patientin, die ihren Mann verloren hatte, dass sich ihre Schrebergartenfreunde ganz selbstverständlich um sie kümmerten. Tatsächlich konnte man oft das Wort Jesu bestätigt sehen: „Niemand hat eine größere Liebe als wer sein Leben hingibt für seine Freunde (Joh 15,13)“.

Es gab auch Wohnungen, die so vermüllt waren, dass ich kaum einen Platz fand, wo ich meine Arzttasche hinstellen konnte. Wenn man dann die Geschichte dieser Menschen hörte, konnte man besser verstehen, warum das so war. Von einer Patientin hatte ich gehört, dass sie die Angewohnheit hatte, ihr Geld in den Zeitungsstapeln zu verstecken, die sie in der Wohnung gehortet hatte. Die Erben hatten einige Tage zu tun, um an ihr Erbe zu kommen. Es gab Patienten, die auch Medikamente gesammelt haben. Bei einer Patientin hatte ich auch diesen Verdacht. Sie war eine liebenswürdige alte Dame mit beginnender Demenz. Ich bat sie um Erlaubnis, ihren Schrank öffnen zu dürfen und sofort fielen mir sämtlich Schachteln mit Medikamenten entgegen. Einmal sollte ich einem Patienten eine Pistole besorgen, damit er sich erschießen könnte. Er litt an einem schlimmen Tumor. Gottseidank hatte er eine liebe Frau und eine Tochter an seiner Seite, die auf ihn aufpassten. Einmal wurde ich gerufen, weil eine junge Frau aus dem Fenster springen wollte. Ein Nachbar hatte sie im letzten Moment davon zurückgehalten.

In den 1920er Jahren waren viele Patienten in unser Stadtviertel aus Niederbayern zugewandert. Eine Patientin erzählte mir, wie sie mit einem Handwagen aus der Gegend von Straubing nach München gezogen war, um dort als „Kindsmadl“ (Kindermädchen)  ihr Brot zu verdienen. Von solchen Patienten bekamen wir auch immer wieder Eier vom Land und Obst geschenkt.

Oft war der Arzt der einzige Gesprächspartner, vor allem bei älteren Frauen. Wenn dann eine Patienten hereinkam und mir sagte: „Sie sind der einzige, mit dem ich reden kann“, wurde mir nicht nur warm ums Herz, sondern ich schaute auch verstohlen auf die Uhr und ins volle Wartezimmer. In einigen Fällen konnte ich  jungen Frauen in Schwangerschaftskonflikten beistehen. Nach meiner Erfahrung war es oft schon die Bereitschaft, ihnen zur Seite zu sein, die ihnen half: Eine junge Frau kam Jahre später, um mir mit großer Freude und Stolz ihren Sohn zu zeigen.

Wenn ich über die Zeit meiner Praxistätigkeit nachdenke, erkenne ich immer mehr, wieviel ich von meinen Patienten gelernt habe. Manche sind mir ein Vorbild geworden wie sie ihr Schicksal getragen haben. In den ersten Jahren war es oft die Generation, die den Krieg noch erlebt und gelernt hatte, Schicksalsschläge zu bewältigen. Was es z.B. heißt, mit einer kriegsbedingten Beinamputation als junger Mann weiter durchs Leben zu kommen und dabei eine Familie zu gründen und 93 Jahre alt zu werden, haben ich bei einem Patienten und seiner Frau mit Bewunderung gesehen.

Wir erleben jetzt andere Herausforderungen. Aber es schadet nicht, wenn wir uns an das erinnern, was unsere Vorgenerationen bewältigen mussten, um uns eine Lebensgrundlage zu hinterlassen.

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