HALTE DEINEN SINN VON ÄRGER FREI

Geschrieben am 24.03.2021
von Joachim Heisel


Halte Deinen Sinn von Ärger frei! So lautet der Ratschlag aus einem der Weisheitsbücher des Alten Testaments (Koh 11,10). Das raten  auch Psychologen ihren Klienten, denn Ärger frisst auf die Dauer die Seele auf und schadet jeder Form von Partnerschaft und Gemeinschaft. In einem Artikel las ich den Ratschlag, den ein Standesbeamter den Paaren gab, die er traute: Sie sollten die drei Eigenschaften ihres jeweiligen Partners oder ihrer Partnerin herausfinden, die sie am meisten nerven, und sich dann vornehmen, den Rest ihres Lebens darüber hinwegzusehen. Leichter gesagt als getan. Aber es ist ein guter Ratschlag, denn Versuche den anderen zu ändern, haben oft wenig Erfolg. Dazu kommt noch, dass wir dazu neigen, die eigenen Fehler zu minimieren und die der anderen zu maximieren.

Davon spricht Jesus im Matthäusevangelium (Mt 7,3-5): Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders (oder deiner Schwester); aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!-und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Das heißt natürlich nicht, dass man jeden Ärger herunterschlucken soll. Manchmal muss man die Konflikte ansprechen und versuchen, sie zu lösen.

Viele Menschen leiden an Verbitterung. Der Berliner Psychiater und Psychologe Michael Linden hat vor zehn Jahren ein Syndrom beschrieben, das er als Verbitterungsstörung bezeichnet. Verbitterung  entsteht, wenn jemand in einer Partnerschaft oder Ehe, in der Arbeit oder im sozialen Leben anhaltend Kränkung, Herabsetzung und Ungerechtigkeit erfährt. In dramatischer und schrecklicher Weise kann dies sogar zu Amokläufen als Rache für wirkliches oder vermeintlich erlittenes Unrecht führen wie Beispiele aus den letzten Jahren und Jahrzehnten zeigen.

Bei einer Umfrage berichteten die Hälfte der Befragten, schon einmal in den letzten zehn Jahren längerfristig Gefühle von Verbitterung verspürt zu haben. Im Alltag äußert sich das als Depression, Resignation oder sogenannte „innere Kündigung“ , oft gepaart mit Hilflosigkeit, Antriebsschwäche, Schlafstörungen aber auch unterschwelliger oder offener Aggression gegen sich selbst oder andere, im Extremfall bis hin zu Mord- oder Suizid - Phantasien.

Hier fällt mir die Anekdote von einem Ehepaar ein, das schon  60 Jahre verheiratet war. Sie, wurden gefragt, ob sie denn nie an eine Scheidung gedacht hätten, worauf nach einigem Nachdenken die Jubilarin sagte: An Scheidung nicht, aber an Mord schon.

Bitternis kehrt vor allem dann ein, wenn Grundannahmen des eigenen Lebensmusters ins Wanken geraten z.B. Zusammenhalt der Familie, berufliches Ansehen und Kompetenz oder auch eigene Gesundheit.

Oft ist der Betroffene nur noch auf das Negative in seinem Leben fixiert. Er vermag nicht mehr, die positiven Seiten in seinem Leben oder bei anderen zu sehen. Da braucht es jemanden, der demjenigen, der so empfindet,  die Augen öffnet für das, was an ihm und der Welt noch gut ist.

Ich denke, wir sind in diesen Zeiten alle etwas gefährdet, die Dinge allzu negativ zu sehen.

Papst Franziskus schreibt dazu in seinem Apostolischen Schreiben Gaudete et Exsultate (deutsch: Freut euch und jubelt):

Normalerweise wird die christliche Freude von einem Sinn für Humor begleitet, sehr markant zum Beispiel beim heiligen Thomas Morus, beim heiligen Vinzenz von Paul oder beim heiligen Philipp Neri. Missmut ist kein Zeichen von Heiligkeit: »Halte deinen Sinn von Ärger frei!« (Koh 11,10). Es ist so viel, was wir vom Herrn erhalten, »um es zu genießen« (1Tim 6,17), dass die Traurigkeit mitunter mit Undankbarkeit zu tun hat: Man ist so in sich selbst verschlossen, dass man unfähig wird, die Geschenke Gottes anzuerkennen

Seine väterliche Liebe lädt uns ein: »Mein Sohn, tu dir selbst Gutes […] Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages« (Sir 14,11.14). Er will, dass wir positiv sind, dankbar und nicht zu kompliziert: »Am Glückstag erfreue dich […] Gott hat die Menschen recht gemacht, sie aber haben sich in allen möglichen Berechnungen versucht« (Koh 7,14.29). In jedem Fall muss man einen beweglichen Geist bewahren und es wie der heilige Paulus machen: »Ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden« (Phil 4,11). Dies lebte der heilige Franz von Assisi. Er konnte angesichts eines Stücks harten Brotes von Dankbarkeit ergriffen werden oder Gott allein wegen der Windbrise, die sein Gesicht streichelte, glücklich lobpreisen.

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