O TÄLER WEIT, O HÖHEN

Geschrieben am 22.04.2022
von Joachim Heisel


 O Täler weit, O Höhen,
 o schöner grüner Wald,
 du meiner Lust und Wehen 
 andächt'ger Aufenthalt!
 Da draussen, stets betrogen,
 saust  die geschäft'ge Welt;
 schlag' noch einmal die Bogen
 um mich, du grünes Zelt!
  
 Wenn es beginnt zu tagen,
 Die Erde dampft und blinkt,
 Die Vögel lustig schlagen,
 Daß dir dein Herz erklingt:
 Da mag vergehn, verwehen
 Das trübe Erdenleid,
 Da sollst du auferstehen
 In junger Herrlichkeit!
  
 Im Walde steht geschrieben 
 ein stilles ernstes Wort
 vom rechten Tun und Lieben,
 und was des Menschen Hort.
 Ich habe treu gelesen 
 die Worte, schlicht und wahr,
 und durch mein ganzes Wesen
 ward's unaussprechlich klar.
  
 Bald werd' ich dich verlassen,
 fremd in die Fremde geh'n,
 auf buntbewegten Gassen
 des Lebens Schauspiel seh'n.
 Und mitten in dem Leben
 wird deines Ernst's Gewalt
 mich Einsamen erheben,
 so wird mein Herz nicht alt.
  
 (Joseph Freiherr von Eichendorff 1788-1857)
  

Joseph Freiherr von Eichendorf war ein Dichter der deutschen Romantik. Er wurde 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren. Seine Gedichte wurden häufig vertont Seine Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ spiegelt das Lebensgefühl der Romantik wieder.