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UNSERE ANGST

Geschrieben am 29.06.2020
von Joachim Heisel

Angst ist zunächst einmal ein negativ besetztes Gefühl. Aber Angst warnt uns auch vor Gefahr. Wir haben Angst davor, über die Strasse zu gehen, ohne vorher nach links und rechts zu schauen. Und wir halten unsere Kinder dazu an, es zu tun. Wir tragen jetzt Gesichtsmasken und halten voneinander Abstand aus Angst vor Ansteckung.

Angst gehört zur Grundbefindlichkeit des Menschen. Angst hat wie der Schmerz eine Funktion als Warnung vor Bedrohung, Gefährdung und Verlust im körperlichen, seelischen und sozialen Bereich. Angst hat zunächst unser Leib: Mir stockt der Atem, Mir schnürt es die Kehle zusammen, wir schwitzen, das Herz blieb mir stehen oder es schlug mir bis zum Hals. Wir werden bewegungslos oder laufen davon. - Im 19. Jahrhundert war es weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert, dass Damen in Ohnmacht sanken, wenn eine heikle oder angstauslösende Situation entstand. Angst ist einen komplexe körperlich –geistig-seelische Reaktion des Menschen vor dem Unbekannten und vor der Bedrohung seiner Existenz.

Krankhafte Angst ist nicht mehr in der Lage reale und irreale Gefährdung voneinander zu unterscheiden. So wollte eine Reinigungsfrau in einem Studentenheim, wo ich wohnte, das Zimmer eines Studenten nicht mehr putzen, weil er ein Stoffkrokodil in seinem Zimmer hatte.

Der Autor Fritz Riemann hat ein Buch über die Angst geschrieben mit dem Titel „Formen der Angst“. Darin unterscheidet er Angst vor Veränderung, Angst vor Endgültigkeit - also letztlich die  Angst vor dem eigenen Tod - , Angst vor Nähe und  Angst vor Selbstwerdung.

Wenn Ängste sich auf Alltägliches beziehen, können sie unseren Alltag erheblich behindern. So war es bei einem Patienten, der plötzlich Angst vor U-Bahnfahrten entwickelte und für den Weg zur Arbeit innerhalb von München 3 Stunden brauchte. Er konnte seinen Job nur retten, indem er Freunde und Bekannte bat, ihn zur Arbeit zu bringen. Ängste haben zugenommen. In den größeren Städten gibt es sogenannte Angstambulanzen, wo Menschen mit Angststörung Hilfe suchen können. Bei umschriebenen Ängsten wie etwa der Angst vor U-Bahnfahrten ist die Verhaltenstherapie oft sehr hilfreich. Mein Patient konnte nach einer entsprechenden Therapie in einer Selbsthilfegruppe mit Supervision wieder ohne Probleme mit der U-Bahn fahren. Wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass in Deutschland zehn Prozent der Bevölkerung an Angststörung leiden.

Johann  Wolfgang von Goethe (1749-1830) litt an Höhenangst. Als er in Strassburg studierte, stieg er oft auf den Turm des Münsters und stellte sich an die äußerste Kante der obersten Brüstung, um sich der Höhenangst zu entwöhnen, ein Verfahren, das auch heute von Verhaltenstherapeuten angewendet wird, und das sie Exposition nennen, d.h. der Klient wird  zunächst unter Anleitung mit der angstauslösenden Situation konfrontier und allmählich „desensibilisiert“.

Es gibt aber auch die panische Angst, benannt  nach dem altgriechischen Gott Pan. Der Sage nach konnte er in der Mittagsstille mit einem lauten Schrei eine ganze Herde von Tieren in eine Massenflucht treiben. Der norwegische Maler Edvard Munch hat eine eigene Angstattacke, die er während eines abendlichen Spaziergangs hatte, als er einen Schrei zu hören vermeinte, in einem epochemachenden eindrücklichen Bild aus dem Jahr 1893 verarbeitet. Es heißt„der Schrei“ (s. Internet)  und zeigt einen Menschen unter einem roten Himmel, der sich die Ohren zuhält  und  mit angstverzerrtem Gesicht einen Schrei ausstößt. Man hat darin ein Bild der Situation des modernen Menschen gesehen.

Angst tritt auch als Folge von bedrohlichen Erkrankungen wie Angina pectoris (wörtlich Herzangst) bei coronarer Herzerkrankung, Asthma, Kreislaufschock und schweren Verletzungen auf. Aber auch leichtere Erkrankungen können bei entsprechend disponierten Menschen Angst auslösen.

Letztlich liegt jeder Angst die Angst vor Verlust und Tod zugrunde. Der Philosoph Heidegger (1889-1976) spricht davon, dass der grundlegende Zug des Menschen Sorge ist. Die Ungewissheit seiner jeweiligen Zukunft erfüllt den Menschen mit ständiger Sorge zunächst um das tägliche Brot aber dann auch um seine Zukunft als Mensch. Ein anderer Existenzphilosoph Jean-Paul Sartre(1905-1980) sagt, Angst sei letztlich Angst vor der Freiheit. Sigmund Freud (1856-1939), der Begründer der Psychoanalyse, meinte, Angst sei die Angst vor dem Verlust des Liebesobjekts. Eine einseitige Auslegung seiner Triebtheorie hat in verdrängter Sexualität die fast ausschließliche Quelle von Angst gesehen. Heute wissen wir, dass nicht nur verdrängte sondern auch desintegrierte  und unauausgereifte Sexualität Angst auslösen kann.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben wir Deutschen trotz 75 Jahren Frieden viele Ängste ausgestanden. Da waren neben der Angst vor einem Atomkrieg - etwa während der Kubakrise - die vielen anderen Ängste: Saurer Regen, Automatisierung, Überfremdung, Islam, Umweltkatastrophen, Co2, Abholzung von Regenwald, Klimakatastrophe, Plastikmüll  im Meer und jetzt auch noch Coronavirus, eine Angst, die wir mit dem ganzen Globus teilen.

Dabei zählen wir zu den bestversicherten Menschen  auf dem Globus. Deutschland gilt als eines der sichersten Länder der Welt. Wir haben eine vergleichsweise niedrige Kriminalitätsrate, eine funktionierende Justiz und vergleichsweise wenig Korruption. Wir haben Kranken-, Arbeitslosen-, Renten-, Unfall- Sterbe-, Elementar-, Gepäck-, Hausrat-, Glas- und Brillenversicherung; und auch noch das Institut Warentest. Wir sind  rundum in allen Lebenslagen gut absichert. Aber gegen Angst selbst  gibt es keine Versicherung

Mit Corona stehen wir einer Gefahr gegenüber, die uns unmittelbar anspringt und die handfester und realer ist als ihre Vorgänger. Aber gemeinsame Angst kann auch zusammenschweißen. In einem Interview mit einer syrischen Familie,  sagte die junge Frau, die jetzt mit ihrem Mann und einer kleinen Tochter in London lebt: Es ist nicht schön, wenn ich mit meiner Tochter jetzt  nicht auf den Spielplatz gehen kann, aber in Aleppo wusste ich manchmal nach dem Verlassen meines Hauses bei Bombenalarm  nicht, ob nach einem Bombenangriff unser Haus noch stand und ob die Nachbarn noch am Leben waren. In der ersten Zeit waren wir hier in London sehr isoliert. Seit Corona kennen wir unsere Nachbarn und wir  helfen uns gegenseitig. Es ist fast so wie in Aleppo, wo wir uns gegenseitig halfen und unsere Toten gemeinsam beweinten.

Erst im 19. Jahrhundert wurde Angst zum Thema der Philosophie. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard war der erste Philosoph, der Angst zu einem zentralen Thema seiner Sicht vom Menschen machte. Angst, so sagte er, ist ein Signal für die wahre Lage des Menschen. Der Mensch ist durch die Trennung von Gott aus der Seinsgeborgenheit in die Ungeborgenheit geworfen worden. Die Angst, so sagt Kierkegaard, löst den Menschen aus den vermeintlichen Sicherheiten und schafft damit die Voraussetzung zur Begegnung mit dem Unendlichen.

Der Mensch ist gleichzeitig Bestandteil der Natur und ragt doch aus ihr heraus wie das Wort Existenz (wörtlich von lat. exsistere-herausragen) es ausdrückt. Damit ist der Mensch zwischen Natur und Unendlichkeit gestellt. So sagte der Philosoph Blaise Pascal(1623-1662)/ : Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur; aber er ist ein denkendes Schilfrohr. Es ist nicht nötig, dass das ganze Weltall sich waffne, ihn zu zermalmen: Ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten.

Sigmund Freud sagte im Jahre 1917:Die Lösung des Rätsels Angst wird eine Fülle von Licht über unser ganzes Seelenleben ergießen. - Angst ist  ein Schlüsselerleben, das tief mit der menschlichen Natur verknüpft ist. Angst zu haben gehört zum Menschen wie das Atmen und das Denken. Die moderne Embryonalforschung hat gezeigt, dass selbst Kinder im Mutterleib schon Reaktionen von Angst zeigen.

Das Gegenteil von Angst ist Vertrauen. Wenn wir Angst haben und jemand bei uns ist, dem wir vertrauen, verlieren wir die Angst oder sie ist leichter zu ertragen. Ein Kind greift nach der Hand von Vater und Mutter, wenn es Angst hat und fühlt sich dann geborgen.

Die Bibel bietet uns als Heilmittel gegen die Angst die Nähe zu Gott an. Wir sollen als seine Kinder nach seiner Hand suchen und uns an ihr festhalten: Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu Dir spricht: Fürchte dich nicht. Ich helfe dir (Jesaja 41,13)

Und im Psalm 56 Vers 7 heißt es: Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich. Habe ich dir nicht geboten: Sei mutig und stark? Fürchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst

Oder im Psalm 118: Der Herr ist mit mir. Ich fürchte mich nicht. Was können Menschen mir antun?

Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Rastplatz am Wasser.

 

Ein Gebet des Vertrauen ist uns von der heiligen Theresia überliefert:

Vertrauen

Nichts soll dich verwirren,
nichts soll dich beirren,
alles vergeht.

Gott wird sich stets gleichen,
Geduld kann erreichen,
was nicht verweht.

Wer Gott kann erwählen,
nichts wird solchem fehlen:
Gott nur besteht.

(Teresa von Avila, 1515-1582, in GL 8

 

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