WER KÜMMERT SICH?

Geschrieben am 06.04.2021
von Joachim Heisel


Dienstag in der Karwoche. Ein wunderschöner Frühlingstag am Tegernsee. Oben auf einem Felsensporn die Riedersteinkapelle. Ich gehe die Stufen des Kreuzwegs mit den vierzehn Stationen bis zur Kapelle bergan, mit mir zwei junge Familien mit den Grosseltern. Die Mutter ruft nach ihrem kleinen Sohn Simon. Wir sind gerade an der 5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen. - Ich sage zu der Mutter: „Hier sind wir an der Station von Simon“. „Ja" sagt sie, "aber ich kenne mich in der Geschichte nicht so gut aus“ -und lächelt.

Weiter oben ein kleines Mädchen mit seiner Mutter, und ich höre, wie die Kleine unvermittelt zu ihrer Mutter sagt: „Mama, kümmert sich der liebe Gott wirklich um alles?“ Eine Frage, an der schon große Theologen gescheitert sind. Doch die Mutter sagt leichthin: „Natürlich kümmert er sich um alles“, und das Kind ist damit zufrieden und läuft munter weiter die Stufen hoch.

Ich aber komme ins Grübeln. Sich wirklich um alles zu kümmern ist Sorge der Eltern. Wenn ein Kind so fragt, kommt in ihm ja schon der Zweifel und die Ahnung der Erkenntnis durch, dass die Eltern nicht alles vermögen. Von den Eltern hat es erfahren – wenn sie gute Eltern sind- dass sie sich um das Kind kümmern und es sich völlig auf sie verlassen kann, denn es weiß, dass es geliebt ist. Und die Eltern tragen Kummer, wenn dem Kind etwas zustößt, das außerhalb ihres Schutzvermögens liegt, etwa bei schwerer Krankheit. Sich um jemanden kümmern bedeutet: Sorge tragen für ihn, zu sorgen, dass es  ihm gut geht und im Fall eines Kindes, dass es sich gut entwickelt. Tut das Gott auch mit uns?

Der Deismus war eine philosophische Richtung im 18. Jahrhundert deren Hauptvertreter in Deutschland Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war, die davon ausgeht, dass Gott die Welt zwar erschaffen hat, aber dass sie nun wie ein Uhrwerk abläuft, ohne dass Gott eingreift. Heute würde man sagen, dass Gott die Hard- und Software für den Ablauf des Weltgeschehens zur Verfügung gestellt hat sozusagen die Bedienungsanleitung oder auch als "divine evolution engeneering" Triebfeder der Evolution ist.

Die Frage des Kindes meint mehr. Sich kümmern heißt emotionales Engagement, bedeutet Sorge zu tragen. Um Vertrauen in die Welt zu haben, brauchen wir die Überzeugung, dass alles letzten Endes gut ist und gut enden wird. In der Genesis spricht Gott nach jedem Schöpfungstag: Gott sah alles an, das er gemacht hatte: Es war sehr gut (Gn 1,31).

Vor Jahren sagte uns das auch die Fernsehmoderatorin Nina Ruge zum Ende jeder von ihr moderierten Sendung mit einem letzten tröstlichen „Alles wird gut“. Man konnte danach ruhig schlafen gehen…

Der Mensch will, dass sich jemand um ihn kümmert. Das ist ein Grundbedürfnis des Menschen. „Kümmert sich der liebe Gott wirklich um alles?“, fragte die Kleine ihre Mama. Der Volksmund sagt: Kindermund spricht Weisheit. Kinder stellen manchmal die tiefsten Fragen, die ein Mensch dem anderen stellen kann, denn Kinder sind nahe am Ursprung.

Der christliche Gott ist nicht der Designer-Gott, der Welt und Menschen ihrem Schicksal überlässt. Schon im Alten Testament heißt es beim Propheten Jesaja (43,1) Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Im  Neuen Bund Gottes mit den Menschen „kümmert sich“ Gott so total um den Menschen, dass er ihnen seinen Sohn Jesus Christus sendet, damit er an ihrem Schicksal persönlich Anteil nimmt und mit ihm bis in die Abgründe seines Menschseins und in den Tod hinabsteigt und ihn aus seiner Einsamkeit und Gottferne erlöst.

Aber wo war Gott in Auschwitz? Diese Frage hallt  hinein bis in unser 21. Jahrhundert.

Aber Gott hat auch in Auschwitz gewirkt.

Angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocaust versagen menschliche Worte und auch die Gefühle sind überfordert. Es bleibt nur das Grauen. Und doch hat Gott auch hier noch gewirkt. Auschwitz und Theresienstadt waren „Kraftwerke des Bösen“. Aber Gott hat selbst aus den Gaskammern des Satans eine reine Flamme der Hingabe und des liebenden Opfers aufsteigen lassen. Bevor sie in die Gaskammer ging, sprach die hl. Edith Stein zu ihrer Schwester Rosa, die mit ihr zusammen in den Tod ging: „Komm, wir gehen für unser Volk.“ Woher nahm sie diese Kraft? In einem ihrer Bücher schreibt sie: „Kein Menschenherz ist je in eine so tiefe Nacht eingetaucht wie der Gottmensch (Jesus Christus) in Getsemani und auf Golgota. Aber Jesus kann auserwählten Seelen etwas von dieser äußersten Bitterkeit zu kosten geben. Es sind seine treuesten Freunde, denen er es als letzte Probe ihrer Liebe zumutet. Wenn sie nicht davor zurückschrecken, sondern sich willig hineinziehen lassen in die Dunkle Nacht, dann wird sie ihnen zum Führer.“

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Ich werde freitags  Gedanken, Gebete  und Zitate von Autoren in den Blog stellen, von denen ich meine, dass sie dazu  passen.