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ES WEIHNACHTET

Geschrieben am 22.12.2019
von Joachim Heisel

 

ES WEIHNACHTET

Ich bin noch so altmodisch und verschicke Weihnachtskarten. Beim Gang zum Briefkasten um die Ecke sehe ich, wie in mehrere Häuser gleichzeitig  von Boten im Eilschritt Pakete angeliefert werden. Da wusste ich: Jetzt ist Endspurt. Ich kenne das noch von früher aus der Praxis: Jeder wollte vor Weihnachten  noch schnell mal zum Doktor. Man konnte meinen, nach Weihnachten geht die Welt unter oder alle Ärzte sind zur Weihnachtsfeier in die Karibik geflogen. - Aber auch: man wollte in der Praxis noch frohe Weihnachten wünschen und sich für die Betreuung im verflossenen Jahr bedanken. Hätte ich alle Wein- und Cognacflaschen, die mir als Dank überreicht wurden, selber leer getrunken, ich wäre längst zum Alkoholiker geworden. - Am Briefkasten angekommen klebt dort ein Zettel mit einer Botschaft. Sie lautet: Lieber Briefträger, liebe Briefträgerin, könnten Sie bitte diese Briefmarke noch zusätzlich auf den Brief an die BKK in… kleben. Danke! - Unten klebt eine Briefmarke von 58 ct mit der Kaiserburg von Nürnberg als Motiv. – Nach der Schrift zu urteilen stelle ich mir eine Frau als Absenderin vor und überhaupt: Welcher Mann würde es wagen, ein solches Ansinnen zu stellen, sich die Blöße geben, einen Fehler gemacht zu haben! Vielleicht hatte die Schreiberin keine andere Marke mehr zur Hand als diese aus der Zeit, als das Briefeschreiben noch billiger war. Ich stelle mir vor, wie der Abholer die Briefe durchwühlt, um den richtigen herauszufischen und dann die Marke draufzukleben oder auch nicht und den Dingen seinen Lauf lässt. Sicher ist, dass der Briefschreiberin oder dem Briefschreiber der Brief wichtig war und dass sie oder er Vertrauen zeigt und sich nicht gescheut hat, an die vorweihnachtliche Bereitschaft zu mehr Menschlichkeit zu appellieren und unter Umständen ein verzögerndes Element in den hochfunktionalen Vorweihnachtsbetrieb eingebracht hat. -Ich würde sie oder auch ihn  gern einmal kennen lernen, die Zettelschreiberin oder den Zettelschreiber. Ich glaube, wir würden uns gut verstehen. Vielleicht hänge ich jetzt auch einen Zettel hin..

 

Am letzten Donnerstag sah man in der Stadt frohe Gesichter, es war fast frühlingshaft warm, die Sonne wölbte einen wunderbar  blaugläsernen Himmel über die Stadt. In den Kirchen wohnte  Ruhe in Erwartung des Christkinds. Eine junge Japanerin und ihr Kind schauten staunend zum hinter dem Kreuz schwebenden Adventskranz der Michaelskirche empor. Der Kleine zeigt immer wieder mit seinem Finger auf den Adventskranz, die Stände am Weihnachtsmarkt vor der Peterskirche  am Marienplatz mit ganzen Kompanien von Hirten und Schafen - und still in der Krippe lächelnde Jesuskindlein. In der  Peterskirche rechts neben dem Eingang ein Jesuskind in himmlischem Gewand, das nach Einwerfen eines 5 ct-Stücks aus einer hölzernen Kapelle herauskommt und zum Entzücken der Kinder seinen Segen erteilt und dann wieder artig  durch die sich  schließende Pforte zurückschreitet. Alles so friedlich! Ich denke an Syrien, Kongo, Dombass und Hongkong. Dankbarkeit kommt in mir auf.

 

Dann die Rückfahrt mit der U-Bahn. Ich versuche, eine Streifenkarte aus dem Automaten zu lösen. Doch die Karte verfängt sich im Schlitz des Automatern und lässt sich nicht herausziehen. Mehrfache Versuche meinerseits scheitern. Hinter mir bildet sich eine Schlange. Leichte Panik kommt bei mir auf. Da kommt von hinten eine junge Chinesin. Ohne ein Wort zu verlieren entnimmt sie mit  ihrer grazilen Hand meine Streifenkarte dem Automaten, lächelt mich an und gibt sie mir. Es weihnachtet sehr.

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