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WAHRHEIT UND VERTRAUEN

Geschrieben am 26.01.2020
von Joachim Heisel

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Freund, der eine Reise nach Nordindien –Ladagk unternommen hatte. Er erzählte mir,  dass die dortige Bevölkerung über den Straßen Bänder mit Wimpeln zur Abwehr böser Geister aufhängt. Er gestand mir, dass der einfache Glaube  dieser Leute ihn  tief beeindruckt  habe und dass diese  Menschen wohl Zugang zu Wirklichkeiten hätten, die uns verloren gegangen seien. Ich erinnerte ihn daran, dass wir in unserem gemeinsamen katholischen Religionsunterricht gelernt haben, dass es gute und böse Geister gibt. Daraufhin sagte er mir, dass solche Glaubensinhalte für Hindus oder gläubige Katholiken  wahr sein  könnten, aber doch nicht für alle  Menschen als Wahrheit zuträfen.

Wer so denkt, für den ist letztlich  alles  gleich wahr oder falsch. Wahr ist nur das, was  unter bestimmten Bedingungen auch anders sein kann. So sagt jedenfalls das Falsifikationsprinzip von Karl Popper. Es ist zum Wahrheitsmodell der Postmoderne geworden und entspricht der Meinung vieler Menschen heute. Die Tatsache, dass ein Stein zur Erde fällt, trifft im Raum  des Gravitationsfeldes der Erde zu. Befindet sich der gleiche Stein im Weltraum, trifft das nicht mehr zu, weil sich die Bedingungen geändert haben.  Was wahr und falsch ist, hängt von der jeweiligen Situation ab. Ich stelle eine Hypothese auf, die solange wahr ist, bis eine andere neue Hypothese die alte widerlegt. Dies ist die Methode der Naturwissenschaften und  der Soziologie. Alles ist nachprüfbar und beweisbar. Im Bereich dieser Wissenschaften ist nichts dagegen einzuwenden. Wenn sie aber auf den Bereich  der Philosophie oder der Ethik Anwendung findet, gibt es keine verbindliche Wahrheit mehr. Alles sind letztlich bloße Hypothesen oder Annahmen. Im Bereich der Ethik ist Abwägung  höchste Richtschnur. 

Es gibt aber schon im alltäglichen Bereich viele Dinge, die sich einer rationalen Nachprüfung entziehen. Trotzdem muss sie jeder anerkennen, der leben will.  Viele dieser Tatsachen, die wir als selbstverständlich für wahr anerkennen, setzen ein Element voraus, das mit Glauben im religiösen Sinn wichtiges gemeinsam hat, nämlich  Vertrauen in Personen. Der Heidelberger Psychiater und  Psychotherapeut Erickson hat für die erste Lebensphase des Menschen und seine spätere gesunde Entwicklung als wesentlich herausgestellt, dass der junge Mensch ein ursprüngliches  Vertrauen in die Welt gewinnen muss. Er konnte in vielen Beobachtungen zeigen, dass dies wesentlich davon abhängt, ob der Mensch von seiner Mutter angenommen wird oder nicht. Erickson hat diese notwendige seelische Grundstimmung für ein gesundes  Gedeihen Urvertrauen genannt. Dieses Urvertrauen setzt sich im späteren Leben in den Beziehungen zu Menschen und Dingen fort. Schon wenn ich ein Restaurant betrete und  ein Essen bestelle, setzt ein Minimum an Vertrauen in die menschliche Gesellschaft voraus. Ich setze  als selbstverständlich voraus, dass man mich nicht vergiften wird und die Regeln der Hygiene beachtet werden.

Wenn ich zum Arzt gehe und er mir eine Spritze gibt, setzt das eine ganze Kette von Vertrauen voraus. Ich vertraue auf die Kenntnisse des Arztes, dass er  die richtige Diagnose stellt und die Spritze richtig handhabt, und auch, dass  der Pharmazeut das Medikament in der richtigen Weise hergestellt hat. Man kann diese Kette noch fortführen. Das alles kann ich nachprüfen, wenn ich genug Zeit und  Fähigkeit dazu habe. Ich tue es aber nicht, weil ich Vertrauen habe. Es kommt aber noch ein weiteres Element dazu, das über bloßes Vertrauen hinausgeht, denn letzten Endes muss ich selber an die Person des Arztes glauben. Der Glaube an diesen  Arzt enthält rationale, nachprüfbare Elemente. Er enthält aber durchaus auch Elemente einer im Einzelnen nicht begründbaren Haltung  des Vertrauens, ja des Glaubens an eben diesen Arzt.

Im religiösen Glauben geschieht Ähnliches, nur dass der Inhalt des Glaubens noch weiter über meine persönliche Erfahrung hinausgeht und der Inhalt dieses Glaubens etwas für mein Leben Unbedingtes und absolut Sinnbedeutendes darstellt, gleichzeitig aber auch eine objektive Wirklichkeit, nämlich die Wirklichkeit Gottes. Paul Tillich hat das einmal so ausgedrückt: Glaube ist ein Sichergreifenlassen von einer Wirklichkeit, die mich zutiefst angeht. Glaube bedeutet neben dem Mit-sich-Geschehen-Lassen auch ein aktives Erkennen, ein Zuwachs an Erkenntnis von Wirklichkeit, die mir ohne Glauben verschlossen geblieben wäre.

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