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WORAUF WIR ACHTEN SOLLEN

Geschrieben am 05.04.2020
von Joachim Heisel


In dieser Zeit ist es wichtig, dass wir Freude und Erholung  nicht untergehen lassen. Wir können jetzt auf  Dinge achten, an denen wir bisher achtlos vorübergegangen sind, weil wir keine Zeit hatten oder weil wir glaubten, keine Zeit zu haben. Jetzt haben wir Zeit, ein blühendes Frühlingsbeet im Garten oder im Park zu betrachten oder einem Vogel zuzuhören, der ein erstes Frühlingslied singt.

Gehen in der Natur ist ein probates Mittel gegen schlechte oder pessimistische Stimmung. Eine Begründung dafür gab Hope Bridge Adams Lehman (1855-1916), die erste praktische Ärztin von München, eine gebürtige Engländerin, in ihrem ärztlichen Ratgeber für Frau und Familie:

Auf dem Spaziergang erzielt man eine Bewegung, welche gleichmäßig fortgesetzt wird, ohne überhastet zu sein. Eine derartige Bewegung kräftigt die Muskeln und insbesondere den Herzmuskel, ohne sie zu ermüden. Der Spaziergang erfüllt den Zweck, den Spaziergänger in die frische Luft zu bringen…Auch dient der Spaziergang dazu, den Geist von den gewohnten Beschäftigungen abzulenken und ihm eine Reihe neuer Eindrücke zu bieten, welche er ohne Anstrengung auf sich wirken lassen kann.

Die von Corona unberührte Natur kann uns helfen. Zur Zeit erholt sich die Natur von dem Stress, den wir ihr sonst machen.

Als ich kürzlich einmal krank war, hat mir eine Freundin einen Topf mit sprossenden Osterglocken geschenkt. Ich brauchte sie nur jeden Tag zu gießen und auf die Fensterbank zu stellen, damit sie aufblühten. Es hat mir viel geholfen zu sehen, wie die Blumen allmählich aufgingen und mir den Frühling ins Zimmer brachten, obwohl es draußen noch garstig kalt war.

Auch Musik kann uns von belastenden Situationen ablenken. Für mich bringt immer wieder Wolfgang Amadeus Mozart Freude und Leichtigkeit in mein Leben. Jeder kann selbst herausfinden, welche Musik sein Gemüt in gute Schwingung(en) versetzt. Wir können unsere Lieblingsmelodien abrufen und uns daran erfreuen.

Wir können auch einen Roman lesen, den wir immer schon einmal lesen wollten oder wir lesen einen Roman wieder, den wir schon kennen. Bei mir ist es Anna Karenina von LeoTolstoi, die ich in verschiedenen Phasen meines Lebens immer wieder neu gelesen habe.

Auch ein Telefonat mit unserem besten Freund oder unserer besten Freundin kann uns von der gegenwärtigen Tristesse ablenken.

Von Seiten der Verhaltenspsychologie empfiehlt es sich, nicht alle Corona-Nachrichten an uns heranzulassen soweit sie nicht konkrete Konsequenzen für unser praktisches Verhalten haben.

Im Philipperbrief (Phil 4,4-6) richtet der Apostel Paulus einen Brief an seine Gemeinde in Philippi. Er selber saß zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis. Trotz seiner misslichen Lage ist der Tenor seines Briefes lauter Freude. Er schreibt: Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freuet euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!

Wie die Liebe so bewährt sich auch die Freude in Widrigkeiten. Wer dann noch liebt, der liebt wirklich. Und wer auch im Leid noch froh sein kann, der besitzt die wahre Freude.

Auch das gemeinsame Beten kann uns in unserer Situation helfen. Wir können uns im gemeinsamen Glauben und in der gemeinsamen Hoffnung daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Seit Jahrhunderten wird in der Christenheit der Engel des Herrn (Angelus) um 12 Uhr mittags gebetet (vgl. Gotteslob S.36/37). Deshalb läuten dann normalerweise auch die Glocken. Für den Gläubigen ist der Angelus ein Gebet, das an die frohe Botschaft von der Ankunft Gottes in unserer Welt erinnert und uns in der Tagesmitte einen Blick über den derzeit sorgenvollen Alltag hinaus bescheren kann. Der Engel des Herrn verkündet die frohe Botschaft von  Christi Geburt, Leiden, Tod  und Auferstehung. Wenn wir gläubig sind, vereint dieses Gebet uns mit allen Menschen auf der ganzen Welt, die in diesem Moment mit uns beten. Die letzten Päpste und auch Papst Franziskus beten den Angelus jeden Sonntag und an hohen Festen zusammen mit den gläubigen Pilgern auf dem Petersplatz in Rom und mit allen Gläubigen rund um den Globus.

Papst Calixtus III. hat dieses Gebet im Jahr 1456 angesichts der damaligen Bedrohung der Christenheit durch die Osmanen für die gesamte Kirche eingeführt. Auch heute sind wir einer gemeinsamen Bedrohung ausgesetzt. Auch heute gibt es Anlass zum Beten.

Im Musée d`Orsay in Paris gibt es ein berühmtes Gemälde von Jean-Francois Millet (1814-1875), das ein Bauernpaar zeigt, das seine Arbeit für das Gebet des Angelus unterbricht. Man sieht auf dem Bild, wie sie ihre Arbeitsgeräte liegen lassen und nun in andächtiger Haltung beten. Dieses Innehalten ist uns bisher schwer gefallen. Nun wird es uns durch die Situation erleichtert.

 

Als Kind der Mosel kann ich aber noch ein weiteres Ritual empfehlen. Schon im alten Testament (Psalm 104,15.) heißt es: Der Wein erfreut des Menschen Herz.

Theodor Heuss (1884-1963), ein väterlicher Schwabe mit ruhiger sonorer Stimme war der erste Bundespräsident. Er hatte eine väterliche Ausstrahlung und gab den Menschen in der schwierigen Nachkriegszeit Rückhalt und ein Gefühl von Ruhe und Gelassenheit nach allem, was geschehen war. Er empfahl den Wein für schwierige Weltzeiten und sagte:

Beim Weine, das sind weihevolle Stunden. Die Händel der Welt sind weit weg; der Mensch genießt und braucht nichts als Mensch zu sein und nennt den Mitmenschen Bruder. O köstlicher Wein, der es dem Weisen erspart, über die Welt weinen zu müssen.

Ich kann mich erinnern, dass im Haus meiner Eltern vor allem im Winter am Abend öfter ein Glas Wein getrunken wurde. Dazu wurde Skat gespielt oder aus dem Roman Dr. Schiwago von Boris Pasternak vorgelesen, der damals in aller Munde war. Damals gab es bei uns noch kein Fernsehen. Eine Nachbarin, eine Kriegerwitwe, die mit meinen Eltern eng befreundet war, kam fast jeden Abend zu uns. Obwohl es meinem Vater gesundheitlich oft nicht gut ging, hielten wir dieses Ritual aufrecht. Es waren Stunden der Begegnung und des Austauschs, die den Alltag erleichterten und belebten.

Und noch etwas: wir können uns heute schon überlegen, was wir unbedingt machen wollen, wenn die Krise vorbei ist…

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