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KRISEN SIND AUCH CHANCEN

Geschrieben am 15.04.2020
von Joachim Heisel


Eine Freundin aus Kenia, die mit ihrer Familie in München lebt und eine große Hilfsorganisation für Afrika leitet ,schrieb mir in einem Rundschreiben ihrer Organisation unter der Überschrift „Exit-Strategie noch nicht in Sicht – die Solidarität schon“: „Die COVID Pandemie betrifft auf dem ersten Blick nur die Gesundheitsfrage. Trotzdem ist es unvorstellbar, wie sehr das gesamte Weltsystem von dieser einen Frage geprägt wird. Die Ernten der Bauern, die Wirtschaft, das soziale Miteinander,  politische Entscheidungen, unsere Demokratie, unser  Glaube, unsere Kernfreiheiten, die eigene Existenz u.v.m. Besser könnte man unsere jetztige Situation nicht beschreiben.
All das bleibt derzeit ungewiss, als wäre die Ungewissheit die einzige Gewissheit!
Auf viele dieser Verläufe können wir derzeit wenig Einfluss nehmen. 
Aber eins können wir ganz sicher - Solidarität miteinander zeigen“.

Dass unsere  Gesellschaft bereit ist, Opfer zu bringen, um auch ihre schwächsten Glieder in dieser Situation zu schützen und dabei auch ökonomische Rückschritte in Kauf nimmt, zeigt, dass sie solidarisch handeln kann und sich einen humanen und christlichen Kern bewahrt hat, weil sie bereit ist, Personen vor Sachen zu stellen. Der selbstlose Einsatz der Menschen im Bereich von Kranken- und Altenpflege, teilweise unter der Bedingung eigener Gefährdung ist beispiellos in der Geschichte unseres Landes seit dem Krieg. Auch die zahllosen spontanen Hilfen, die die Bürger leisten und der Einsatz der Politiker aller Couleur, die bis zur Erschöpfung um Lösung für die Krise ringen, ist einzigartig. Dieser Einsatz hat ja auch schon ein tragisches Opfer gefordert. In der Gebetsstunde für Deutschland wurde für sie alle gebetet. Das sollten wir auch weiter tun und für ihren Einsatz dankbar sein. Das Wort Minister kommt aus dem Lateinischen und heißt Diener. Ich denke, dass es wohl selten mehr Sinn hatte wie jetzt.

Der ungeahnte Aufstieg der modernen Zivilisation, die enormen Möglichkeiten der Technik und der Medizin in der westlichen Welt haben uns zu dem Schluss verleitet, dass fast alles machbar ist. Den Menschen, die es gewohnt waren, im Flieger zu überleben, die sogenannte  Jetset-Generation, bricht jetzt ein wichtiges Stück ihrer Welt zusammen. Flieger bleiben reihenweise am Boden und müssen staatlich gewartet werden. Nun erfahren wir hautnah, dass wir nicht Herr über unser Schicksal sind. Unsere Sicherheit waren unwägbare Anleihen an die Zukunft, die jetzt ganz anders aussieht, als wir sie uns vorgestellt haben. Jetzt entdecken wir auch, was uns im Leben wirklich fehlt: Schutzmasken, um uns selbst vor den andern zu schützen und die anderen vor uns. Wer hätte das gedacht, dass unsere Wünsche einmal so bescheiden werden und dabei doch so überlebenswichtig!

Ein hochindustrialisiertes Land, das die halbe Welt mit hoch technisiertem Gerät versorgt, ist nicht in der Lage, seine Bürger insbesondere im Kranken- und Altenpflegebereich mit potentiell überlebenswichtigen Schutzmasken zu versorgen. Das zeigt uns wie trivial unser System scheitern kann und entlarvt den bisher verbreiteten Machbarkeitswahn. Da gibt es eine Firma mit dem Slogan: Wir machen Unmögliches möglich. Machen wir uns auf die Suche nach dieser Firma!

Die Mehrzahl der jetzt in Deutschland lebenden Menschen ist von schweren kollektiven Ereignissen im Krieg und in der Nachkriegszeit verschont geblieben. Die meisten von uns hatten die „Gnade der späten Geburt“, d.h. sie sind nach 1945 geboren und sind bisher von kollektiven Katastrophen verschont geblieben. Als meine Eltern 1943 heirateten, wussten sie nicht, ob sie sich jemals wiedersehen würden. Sie waren damals 24 und 23 Jahre alt. Es war Krieg und ein Bruder meiner Mutter war schon gefallen, der zweite folgte ein Jahr später in der Nacht der Invasion in der Normandie. Wir sind es also –gottseidank - nicht gewohnt, mit kollektiven Krisen und Katastrophen umzugehen. Aber wir werden es lernen, auch mit allem, was darauf folgt. Corona wird möglicherweise auch nicht das letzte Virus ein, das uns überfällt.

Der Resilienzforscher (Krisenforscher) Professor Stephan Joseph von der Universität Nottingham spricht davon, dass jede Krise ein existentieller Weckruf ist, der unser Leben verändert. Er sprach  von Posttraumatical Growth, posttraumatischem Wachstum, wo ein Mensch infolge einer Krise beginnt, den eigentlichen Sinn seines Lebens zu entdecken z.B. ein Krebskranker, der erlebt, wie seine Familie sich um ihn kümmert. Er erkennt mit einem Mal, dass seine Familie und nicht seine Karriere das Wichtigste in seinem Leben ist.

Jede Krise stellt das bisherige in Frage.

 Die Grundfrage an uns in der Coronakrise ist: Wollen wir so weiter machen wie bisher?

Vielleicht müssen wir unsere Gesellschaft „umrüsten“, um für solche Krisen besser gewappnet sein. Unsere Krankenhäuser müssen solchen Krisen standhalten. Menschen wie Krankenschwestern, Pfleger/innen, Busfahrer, Arbeiter in der Müllabfuhr, Verkäufer/innen, die auch dann noch „funktionieren“ müssen, wenn es ernst wird und die dabei sogar ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen, brauchen unbedingt mehr Wertschätzung in unserer Gesellschaft und auch eine bessere Entlohnung. Wir dürfen sie nicht mit einem Hungerlohn abspeisen, während wir Bankern, die aus bequemen Sesseln heraus  Banken gegen die Wand gefahren haben, staatliche Unterstützung und sogar noch satte Boni gewähren.

Eine weitere Konsequenz könnte auch sein, dass das ständige Hin und Her mit umweltschädlichen Fliegern durch Videokonfrenzen abgegolten sein kann. Dazu müssten in Deutschland endlich die Voraussetzungen für eine volldigitalisierte Gesellschaft geschaffen werden. Auch Urlaubsreisen müssen nicht unbedingt in ferne Länder gehen.

Vor allem sollten wir durch den gegenwärtigen corona-bedingten Prozess der Entschleunigung unseres Lebens zur Besinnung kommen und aufhören mit unserem hemmungslosen Streben nach Konsum. Für unseren Wohlstand haben wir schon angefangen, die Zukunft unseres Planeten aufs Spiel zu setzen. Weil wir immer noch mehr haben wollen, müssen wir dauernd das Hamsterrad des Erfolgs in Gang halten und uns an der modernen Sklavenhaltung in den Entwicklungsländern beteiligen, wo Menschen für einen lächerlichen Lohn für uns arbeiten.

Corona bringt Menschen zusammen und auseinander zugleich. Die Menschen  werden auf sich selbst zurückgeworfen Es bewahrheitet sich ein Ausspruch von Blaise Pascal (1623-1642), dem französischen Philosophen, der gesagt hat: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. -  Er hat das natürlich in einem anderen Sinn verstanden, aber wir merken trotzdem, wie schwierig das ist, bei sich zu bleiben. Vielleicht ist es auch eine Chance, einmal bei sich selber einzukehren.

Karl Valentin, der berühmte Münchner Kabarettist sagte in einem seiner Sketches: Heute gehe ich mich mal besuchen, mal sehen, ob ich zuhause bin. - Jetzt sind wir eigentlich dauernd zuhause, aber auch bei uns? Wir  können mal sehen, ob noch genug Eigenes in uns ist und ob wir noch etwas damit anfangen können.

Im Lukasevangelium ( Lk 6,47-49). schildert Christus einen Mann, der sein Leben auf festen Grund gestellt hat, weil er die Worte Christi ernst genommen hat, und dann auch, was passiert, wenn jemand seine Worte nicht ernst nimmt. Da heißt es: Ich will euch zeigen, wem ein Mensch gleicht, der zu mir kommt und meine Worte hört und danach handelt. 48 Er gleicht einem Mann, der ein Haus baute und dabei die Erde tief aushob und das Fundament auf einen Felsen stellte. Als ein Hochwasser kam und die Flutwelle gegen jenes Haus prallte, konnte sie es nicht erschüttern, weil es gut gebaut war. 49 Wer aber hört und nicht danach handelt, gleicht einem Mann, der ein Haus ohne Fundament auf die Erde baute. Die Flutwelle prallte dagegen und sofort stürzte es ein; und der Einsturz jenes Hauses war gewaltig. Von dem Haus, das nur auf Sand gebaut ist, sagt er: Als der Sturm kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört (Mt 7,24-27).

Vielleicht haben auch wir als Gesellschaft oder in unserem persönlichen Leben unser Haus in den Sand gesetzt statt auf festes Fundament? Hier ist die Krise Anlass zur Reflexion

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Im postmodernen Mainstream werden wir dazu angehalten, unsere Beziehungen, ja unser Leben auf Gefühlen aufzubauen (aus dem Bauchgefühl heraus zu leben). Wenn jemand in einer Selbsterfahrungsgruppe seine manchmal vertrackte persönliche Situation geschildert hatte, wird vom Leiter der Gruppe  oft die Frage in die Runde gestellt „Wie geht es uns denn dabei?“. Und aus diesem Gefühl „wie geht es uns dabei“ wurde nach Lösungen gesucht. Aber reicht das jetzt noch aus?

In einer Krise geht es nicht darum, wie es mir geht, sondern wie kann ich die Situation bewältigen, wie mir selbst, dem andern oder der anderen helfen. Dabei spielen Gefühle eine untergeordnete Rolle. Wenn das Haus meines Nachbarn brennt, bin ich auch dann verpflichtet zu helfen, wenn ich mit ihm im Streit gelebt habe. In der Krise erkennen wir, dass wir unser Leben nicht bloß auf Gefühlen aufbauen dürfen. Das gilt natürlich vor allem im engsten Kreis von Ehe und Familie. Wenn du in Not bist, lernst du deine Freunde kennen, lautet ein Sprichwort. Die Krise offenbart, ob dein Lebenskonzept Stürmen und Fluten standhalten kann.

So erlebt man es oft bei Paaren. Oft haben sie schon  jahrelang zusammen gelebt  und heiraten dann. Manchmal geschieht es, dass sie sich nach der Geburt des ersten Kindes oder nach beruflichen oder ehelichen Belastungen wieder trennen. Als Grund wird dann oft genannt, die Gefühle zueinander hätten sich geändert. Sie sehen nicht, dass die Krise ihnen die Chance bietet, in der Liebe tiefer zueinander zu wachsen und damit ein festeres und verlässlicheres Fundament zu schaffen. Auch die Corona-Krise bietet uns diese Chance. Vielleicht hat sich auch in unseren Beziehungen bei der Krise herausgestellt, dass Gefühle allein nicht ausreichen. Die Krise lehrt uns, für den anderen einzustehen und Verantwortung zu übernehmen, auch wenn sich die Verhältnisse geändert haben und ungleich schwieriger  geworden sind als zuvor.

Weiterhin sagt Jesus im Lukasevangelium (Lk6,43-46):  43 Es gibt keinen guten Baum, der  schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt. 44 Denn jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben. 45 Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.

Vielleicht haben wir an unserem Lebensbaum schlechte Früchte gedeihen lassen, ohne es zu bemerken oder gar ohne es zu wollen. Auch in unserem persönlichen Leben zeigt sich erst in der Krise, was in unserem Leben Bestand hat und was in den Müll oder auf den Komposthaufen gehört

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