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AM GEDULDSFADEN

Geschrieben am 20.04.2020
von Joachim Heisel


In meiner Heimatstadt Trier gibt es mitten in der Stadt auf dem Hauptmarkt einen Brunnen, den der Magistrat im Jahr 1594 errichten ließ und auf dessen Mittelsäule vier allegorische Frauenfiguren dargestellt sind, die die  vier Grund- oder Kardinaltugenden versinnbildlichen: Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Maß.

Der Name „Kardinaltugenden“ leitet sich aus dem lateinischen Wort cardo (Angelpunkt, Türangel) ab und bezeichnet die große Bedeutung dieser Grundhaltungen für das Gelingen menschlichen Lebens und der Gesellschaft. So lautet die Übersetzung der lateinischen Inschrift, die die Stadtväter in pädagogischer Absicht anbringen ließen: Glücklich ist ein Gemeinwesen, in dem Klugheit das Zepter hält, wo die Gerechtigkeit die Guten schützt und Schuldige mit dem Schwert richtet, wo im Unglück Starkmut waltet und Mäßigung alles zum besten lenkt.

Wenn ein widriger Zustand länger anhält, muss zu Starkmut und Tapferkeit noch Geduld hinzu kommen. Das ist jetzt bei uns der Fall. Die Experten sagen uns, dass die Krise kein Sprint, kein Mittelstreckenlauf sondern ein Marathon sein wird. Wir müssen uns in Geduld üben, bis helfende Lösungen gefunden werden, auch Geduld mit unseren Mitmenschen, uns selbst, und auch mit den Politikern.

Geduld heißt auf Latein Patientia, was mit dem lateinischen Wort pati (leiden)- zusammenhängt. Geduld ist kein bloßes Abwarten. Das deutsche Wort Geduld kommt von dulden und bezeichnet die Fähigkeit zu warten oder etwas zu ertragen. Geduldig ist, wer Schwierigkeiten oder lästige Situationen mit Gelassenheit und  Standhaftigkeit erträgt. Das Gegenteil von Geduld ist Ungeduld.

Geduld bedeutet nicht, die Hände in den Schoss legen. Wahre Geduld bedarf  der Klugheit, um zu unterscheiden, wo ich abwarten kann und wo ich handeln muss. Geduld weiß zu unterscheiden zwischen Dingen, die man ändern kann und die nicht zu ändern sind. Für die Verantwortlichen in unserem Land ist die Zeit des klugen Handelns, für uns alle vorwiegend Zeit der Geduld mit Wachsamkeit über unser Verhalten. Aber auch wir müssen sehen, wo handeln und helfen erforderlich ist.

Frauen sind mehr für die Geduld geschaffen als Männer. Sie tragen ein Kind neun Monate in ihrem Leib bis es geboren wird und müssen noch unendlich viel Geduld haben bis dieses unfertige Wesen, das ihr in den Arm gelegt wird,schließlich erwachsen wird.

Ich bewundere Mütter und auch Väter, wenn sie mit den Kleinen unterwegs sind und es vielleicht eilig haben: Die Kleinen bleiben stehen und bücken sich, um einen Stein aufzuheben oder ein Blümchen zu pflücken und die Eltern müssen warten und sie ermahnen, doch endlich weiterzulaufen. Einige Freunde  mit kleinen Kindern sagen mir jetzt, wie sie es genießen, Zeit zu haben und nicht auf die Uhr schauen zu müssen, wenn sie mit ihren Kindern spielen. Wir lernen jetzt Dinge, die wir sonst nicht lernen würden.

Vielleicht finden wir jetzt dazu, Dinge geschehen zu lassen, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können. Das holt uns heraus aus dem irren Perfektionismus, dem alles immer noch schneller und perfekter gehen soll.

Geduld war bis jetzt ein bescheidenes, fast verachtetes Pflänzchen in unserem Seelengarten und wurde in unserer Gesellschaft nicht besonders geschätzt.

Aber in einer Phase der Entschleunigung kann sie zu ihrer wahren Größe heranwachsen, wenn wir uns auf sie einlassen. Wir brauchen sie jetzt, um zu überleben und um keinen Schaden an unserer  Seele zu nehmen.

Es gibt das geheimnisvolle Wort Christi: In den Geduld werdet ihr eure Seele besitzen (Lk 21,9). Geduld ordnet die Gefühle der Seele und sorgt dafür, dass wir uns „im Griff haben“, z.B. dass wir nicht bei jeder Gelegenheit ausrasten oder  Wutanfälle bekommen, gerade jetzt, wo vieles so anders ist. Jetzt müssen wir  Geduld aufbringen nicht nur mit der Situation sondern auch mit allen lästigen Begleiterscheinungen, auch mit uns selbst und den anderen. Es kann sein, dass man sich mehr auf die Nerven fällt. Dinge, die man im normalen Alltagsrhythmus nicht wahrgenommen hat, bekommen eine übermäßige Bedeutung.

Bei Trauungen wird auf Wunsch der Brautleute oft die Stelle über die Liebe aus dem ersten Korintherbrief des heiligen Paulus (1 Kor 13,1-13) vorgelesen. Darin heißt es: die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie ereifert sich nicht.

Vielleicht ist diese Stelle aus dem Neuen Testament auch eine gute Lektüre für diese Tage.

Gott hat viel Geduld mit der Welt. Er hat sie nicht nur geschaffen, sondern erhält sie in der Existenz. Das ist nicht selbstverständlich. In der indischen Mythologie hat Gott Shiwa in einem Begeisterungstaumel die Welt geschaffen. Wenn er ihrer überdrüssig geworden ist, wirft er sie weg wie ein Kind, das sein Spielzeug nicht mehr mag, und schafft eine neue Welt in einem ewigen Kreislauf.

Der Gott der Bibel ist anders. So heißt es im Psalm 144:

Mild und barmherzig ist der Herr,

langsam im Zürnen und reich an Gnade.

Der Herr ist gütig für alle Wesen,

barmherzig für alles, was er geschaffen.

 

Im Lukasevangelium (Lk 13,6-9) erzählt Jesus als Gleichnis für die Geduld von einem Feigenbaum, der keine Frucht bringt und den der Eigentümer des Gartens deshalb ausreißen will. Der Gärtner überredet ihn, dem Baum noch eine Chance zu geben und mit dem Umhauen noch zu warten in der Hoffnung, dass er doch noch Früchte bringt. Mit diesem Gleichnis will Jesus  uns sagen: Gott hat Geduld mit uns und mit der Welt.

Auch Christus hat viel Geduld mit seinen Jüngern gehabt. Nachdem die Jünger fast drei Jahre bei ihm „in die Lehre“ gegangen waren, stritten sie sich noch kurz vor seinem Leiden darüber, wer von ihnen der Größte sei (Lk 22,24). Auch wollen sie, dass er Feuer von Himmel schickt, um ein Dorf zu bestrafen, das sie nicht bereitwillig aufgenommen hat. Sie hatten offensichtlich wenig von der Botschaft ihres Meisters verstanden. Christus hatte weiter Geduld mit ihnen, auch mit dem großspurigen Petrus, der versprach, mit ihm in den Tod zu gehen und ihn dann gleich drei Mal verleugnete. Er hat ihn trotzdem zu Großem berufen.

Alles Leben erfordert Geduld. Das mussten auch wir lernen. Vielleicht erinnern wir uns noch an unsere kindliche Ungeduld, wenn wir nicht erwarten konnten, dass ein Pflänzchen, das wir im Garten unter Anleitung der Eltern gepflanzt hatten, nicht sofort grüne Blätter zeigte und wir anfingen an ihm zu zupfen.

Geduld ist gütig. Sie traut dem anderen eine gute Entwicklung zu. – „Aus dir wird ja nie was“, sagte der Vater eines Patienten immer wieder zu ihm und hatte damit einen Satz in die Welt gesetzt, der den Patienten ein Leben lang verfolgte.

Gott spricht nie so. Er gibt uns immer wieder eine Chance. Er will auch, dass wir diese Krise als Chance nützen und in der Geduld wachsen, denn in der Geduld werden wir unsere Seele besitzen… (Lk21,9).

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