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ALS DAS ENDE DER ANFANG WAR

Geschrieben am 15.05.2020
von Joachim Heisel


In einer weltweiten Krisensituation mag ein Rückblick erlaubt sein, nicht als Vergleich sondern als Erinnerung wie es damals war, in der Zeit nach dem Krieg - vor 75 Jahren. An einiges kann ich mich aus der Perspektive des Kindes, das ich damals war, noch erinnern, zum Beispiel dass viele meiner Klassenkameraden ihren Vater nie gekannt haben, weil sie noch in den letzten Monaten und Tagen des Kriegs gefallen waren. Von einigen kehrten die Väter erst nach Jahren zurück, der Vater einer Klassenkameradin erst 1955 aus der Sowjetunion. Auf den Strassen und in der unmittelbaren Nachbarschaft sah man viele Kriegsversehrte, denen ein Arm oder ein Bein fehlte oder die andere Kriegsverletzungen erlitten hatten. In unserer Straße wohnte ein Mann, der kriegsblind war, und dessen Frau die Witwe seines gefallenen Kriegskameraden war. In der Stadt gab es nur zwei Psychiater. Ich frage ich mich heute, wie die Menschen damals all dieses Leid bewältigt haben.

Neben uns wohnte eine vertriebene Familie aus dem Sudetenland. Als ich einmal bei ihnen in der Wohnung war, sah ich, dass ihre Möbel aus zusammengezimmerten Kisten bestanden. Mein Vater arbeitete in einem Bekleidungsgeschäft und bekam als Gehalt einen Mantel oder Anzug, der dann bei Bauern gegen Lebensmittel eingetauscht wurde. Außerdem hatten meine Großeltern einen großen Garten und hielten Hühner. Dadurch hatten wir wenigstens genug zu essen. Aber nicht alle Leute hatten diese Möglichkeit. Wir wohnten in der Nähe einer Schule. In den Pausen gab es für die Kinder Schulspeisungen, um dem Hunger vorzubeugen. Es war auch die hohe Zeit des Schmuggels. Mein Onkel stammte aus einem Dorf an dem kleinen Grenzfluss Sauer. Gegenüber war  Luxemburg. Er hatte Frau und vier Kinder und wohnte in Köln. Jeder musste damals sehen, wie er seine Familie über Wasser hielt. Nach einem Besuch in seinem Heimatdorf fuhr er im Zug ab Trier mit einer Tonne voller Trauben zurück. Unter den Trauben lagen Schokolade, Tabak und Kaffee aus Luxemburg. - Der Zug von Trier nach Köln führte bei Pfalzel über die Mosel. Die im Krieg zerstörte Brücke war nur notdürftig repariert. Die Gleise ruhten ohne großen Unterbau auf den Brückenpfeilern. Der Zug musste Schritt fahren, und als ich einmal mit meinen Eltern darüber fuhr und aus dem Fenster schaute, sah ich rechts und links unter mir die Mosel. Das ließ jedes Mal ein gruseliges Gefühl aufkommen.

Kardinal Frings von Köln hatte seinen Gläubigen in dem bitterkalten Winter 1946/47 von der Kanzel herab erlaubt, sich von den Güterzügen, Kohlen herunterzuholen, die sie dringend zum Heizen brauchten. Der Volksmund machte daraus den Begriff “fringsen“, der ihn im ganzen Rheinland und darüber hinaus populär machte.

Die Trümmer in meiner Heimatstadt kamen mir als zum normalen Leben gehörig vor, auch die Männer, die sich auf der Straße verstohlen nach den Zigarettenstummeln bückten, die achtlos von französischen Soldaten weggeworfen worden waren. Später verteilten die Amerikaner, meist schwarze GI`s mit blendend weißen Zähnen, von offenen Militärlastwagen herab Kaugummi an uns Kinder. Es gab Lebensmittelkarten und Care-Pakete von amerikanischen Quäkern. Auf den Fotos aus der damaligen Zeit sieht man kaum dicke Leute. Mit meiner vier Jahre älteren Cousine haben wir aus Butter und Zucker bräunliche Bonbons mit Malzgeschmack in einer Pfanne auf dem Herd meiner Tante hergestellt. Meine erste Zahnbürste kam aus Amerika. -Amerika, wie wir damals sagten, war das ferne Land, wo es all das gab, was wir nicht hatten. Ich weiß noch genau, wie die Zahnbürste aussah. Sie hatte einen grünen Griff und schwarze Borsten. Eine Kollegin meines Vaters hatte sie besorgt.

Die Deutschen waren zu einem Volk von Sozialempfängern aus den Händen der Sieger geworden. Auf die kollektive Schuldzuweisung folgte die kollektive Sozialhilfe. Wir lebten damals in einem Haus zusammen mit meinen Grosseltern und meiner Tante. Im Wohnzimmer meiner Grosseltern stand auf dem Schrank das Bild zweier junger Männer mit Anzug und Krawatte. Das waren meine beiden Onkel Hans und Herbert, die Brüder meiner Mutter, die mit 21 Jahren im Krieg gefallen waren, der eine in Russland kurz vor Moskau im Winter 1942, der andere 1944 bei Cherbourg in der Normandie kurz nach der Invasion der Alliierten. Bis in ihr hohes Alter – sie wurde einundneunzig Jahre alt - durfte man im Beisein meiner Großmutter die Namen ihrer beiden gefallenen Söhne nicht erwähnen. Zu groß war ihr Schmerz geblieben. Auf dem Speicher gab es eine Martinslaterne, die die beiden Brüder aus Sperrholz ausgeschnitten hatten und die uns nun als Erinnerung  blieb. Auf dem Speicher gab es auch eine Kiste mit grobem Sand, der an der Haut juckte, wenn man hineinlangte. Das war Löschsand gegen Brandbomben. Auch gab es Möbel von einer Freundin meiner Tante, die nie abgeholt wurden. Mein erstes Weihnachtsgeschenk war ein großes gelbes Auto ganz aus Holz mit aufgemalten Scheinwerfern, das der Vater meiner Cousine besorgt hatte.

 

Bei aller materiellen Kargheit der Zeit nach dem Krieg gab es aber auch  ein tragendes Gefühl des Neuanfangs und des Noch-einmal–davon-gekommen-Seins unserer Eltern, das sich auch auf uns Kinder übertragen haben muss und uns wenig von dem Schrecklichen ahnen ließ, das in Deutschland und der Welt kurz zuvor passiert war, so dass wir uns angenommen und geborgen fühlten und für eine gute Zukunft ausersehen, vielleicht im Gegensatz zu dem Lebensgefühl, das heute manche Jugendliche befällt, wenn sie sich ihrer Zukunft oft nicht sicher sind und sich nur schwer entscheiden können. Hier liegt wohl der Hauptunterschied zwischen unserer Jugendzeit unmittelbar nach dem Krieg und der heutigen Situation. Wir wurden in eine Zeit des Aufbaus hineingeboren, in eine Gesellschaft, die nach der Tabula rasa der Bombennächte, nach Holocaust, Terror und Stalingrad noch einmal von vorne anfing, in der jeder Arm gebraucht wurde, um die Lebensgrundlagen für ein ganzes Volk neu zu schaffen. Es war das Paradox der Nachkriegszeit, dass inmitten zerstörter Städte mit riesigen Trümmerhalden, durch die auf Schienen die Loren für den Abraum führten, Menschen lebten, die, obwohl sie jeden Tag vierundzwanzig Stunden mit dem Überleben beschäftigt waren, mit Mut und Zuversicht auf die Zukunft blickten. Es war das Lebensgefühl eines Kranken nach einer schweren Krankheit, die ihn an den Rand seiner Existenz gebracht hat und der schließlich wieder auf dem Weg der Genesung ist. Er spürt zwar, dass er noch schwach ist, aber er weiß, dass er bald wieder gesund sein wird, und das erfüllt ihn mit unbändiger Vitalität. Es ist dieses Gefühl zwischen Noch-nicht-ganz-gesund- sein und doch schon spüren, wie der Körper zur alten Vitalität zurückfindet

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