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NEUVERMESSUNG DER HEIMAT

Geschrieben am 25.05.2020
von Joachim Heisel


Christi Himmelfahrt, Vatertag, Starnberger See, Kempfenhausen, Menschen am Seestrand, die die Sonne genießen, Auszeit von Corona, am Horizont die Berge. Es gibt sie noch und wir dürfen sie sehen und uns des Lebens freuen. Am Einlass zum Parkplatz wird nicht wie sonst Geld kassiert. Vielleicht weil der Kassierer keinen Abstand halten kann, eine günstige Nebenwirkung von Corona? Der Parkplatz ist voll. Gott sei dank fährt gerade jemand weg. Auf der Liegewiese ist auch bei einem Abstand von 1,5 m noch viel Platz frei. Man merkt es den Menschen an, dass sie es genießen, draußen zu sein aber irgendwie ist die Freude gedämpft als könnte etwas passieren. Wie eine Glocke liegt Corona über der Frühlingsstimmung: 1,5 Meter Abstand oder besser noch zwei Meter! Paare halten sich wie zum Trotz fest umschlungen. Hier wird die Abstandsregel außer Kraft gesetzt, Gott sei Dank keine Kontrolle. Ein kleines etwa fünfjähriges Mädchen schreit dauernd: „Es gibt Regen“ und lässt sich nicht beruhigen, aber am weißblauen Himmel sind nur einzelne Wolken zu sehen.

Ein paar Schritte von hier steht die Pellet Villa, wo Richard Wagner (1813-1881) in einer Schaffenskrise im Jahr 1864 auf Einladung seines königlichen Freundes Ludwig II. einige Wochen wohnte, um sich zu erholen. Er schrieb über Kempfenhausen: „Dieser Ort ist schön und einsam“. Einsam ist es nicht an diesem „Vatertag“, aber immer noch schön und  auch schön, weil es nicht so einsam ist und viele Menschen sich  friedlich zusammen erholen können. Mit Corona lernen wir jeden Tag dazu. Wir lernen, mit Corona zu leben. Viele Menschen müssen zusätzlich zu Corona mit Krieg und Hunger leben. Seien wir dankbar, dass wir davor verschont sind.

Einige Mutige gehen schon ins Wasser. Ein junger Mann mit einem dünnen Neopren-Anzug kommt gerade aus dem Wasser. Ich frage ihn, ob der Neopren-Anzug denn wärmt. „Nein“, sagt er, „überhaupt nicht, vor allem nicht im Gesicht und an den Händen“. Man sieht es ihm an. Wenn die öffentlichen Bäder alle geschlossen sind, geht man auch schon mal bei diesen Temperaturen ins Wasser. 14 Grad sagt der junge Mann im Neopren-Anzug. Ein Engländer hat zwei Bierflaschen zum Kühlen ins Wasser gelegt. Ich unterhalte mich kurz mit ihm in meinem Schulenglisch. Wir sind uns einig, dass das Wasser für uns selber noch zu kalt ist. In der Strandwirtschaft Betrieb, aber mit Abstand. Am Einlass holt einen der Kellner ab und weist einen Platz zu. Als Einzelgast ist man da nicht so gern gesehen, denn man blockiert einen ganzen Tisch.

Urlaub am Chiemsee oder am Tegernsee kennen wir mehr aus den 1950er oder 60er Jahren. Aber jetzt vielleicht wieder: Statt zum Schnorcheln auf die Malediven oder Trekking im Himalaya Segeltörn auf dem Chiemsee und  Familienausflug  auf den Hirschberg, die Neuentdeckung von  Heimat. Altbekanntes neu sehen und erleben, Strandkorburlaub an der Ostsee oder auf Wanderschaft im Schwarzwald. Statt Work-and-travel in Australien Spargelstechen in Schrobenhausen - in den Rücken und ins Kreuz kann beides gehen. Sogar mit den großen Kindern mal ins Bauernmuseum Glenleiten oder in den Zoo. Man ist mehr zusammen, man spricht viel miteinander.

Corona mag frische Luft nicht. Vielleicht gibt es im Sommer mal eine Pause mit tiefem Durchatmen, viel Bewegung im Freien, gut durchlüfteten Wohnungen. Corona ist auch eine Chance für gesundheitsbewußtes Leben. Mal sehen, wie man Gewicht herunterbringen oder das Rauchen aufgeben kann, um das Corona-Risiko zu reduzieren. Ein bleibender Gewinn auch nach Corona! Vielleicht hilft dabei auch die  Neuvermessung der Heimat mit den von Gesundheitsexperten empfohlenen zehntausend Schritten pro Tag.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1831) meinte: „In der Begrenzung zeigt sich erst der Meister“. Corona kann uns lehren, mit weniger auszukommen und manche Beschränkung kann auch Bereicherung sein. So hat der Philosoph Sokrates (469-399 v. Chr.) gesagt, als er über den Markt gegangen war: „Ich habe so viele Dinge gesehen, die ich eigentlich nicht brauche“.

Ein weiterer Rat von Sokrates lautet: „Bedenke, dass alles vergänglich ist; dann wirst du im Glück nicht zu fröhlich und im Leid nicht zu traurig sein“. Es kann uns daran erinnern, dass auch Corona vergänglich ist.

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