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BLINDER FLECK

Geschrieben am 14.06.2020
von Joachim Heisel

Im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd ist viel die Rede gewesen von Trauer und Wut. Trauer, auch öffentliche Trauer und Empörung ist sicher die richtige Antwort aber Wut  hat etwas Zerstörerisches, Unkontrolliertes, dem Hass nahe. Dank dem Appell von George Floyds Bruder an  die Demonstranten haben gewaltsame Ausschreitungen und  blinde Wut nicht  noch mehr Unheil angerichtet. Eine solch weltweite Trauer wie jetzt gab es in den USA und in der ganzen Welt nur beim gewaltsamen Tod von Martin Luther King 1929-1968) und J:F. Kennedy.

Der Rassismus hat in den USA eine lange Geschichte. Sie begann mit Hunderttausenden von  afrikanischen Sklaven, die  unter schrecklichen Bedingungen mit dem Schiff in Ketten nach Amerika gebracht wurden. Viele starben auf dieser Reise. Sie wurden vor allem an die Großgrundbesitzer der Zuckerplantagen im Süden der Vereinigten Staaten verkauft und mussten dort bis zu ihrem Tod unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten.  Sie wurden ausgepeitscht und ihre Frauen wurden sexuell missbraucht. Man verkaufte sie wie Vieh auf dem Markt. Man hackte ihnen als Strafe die Hände ab und errichtete sogar noch Denkmäler für Menschen, die das taten. Erst jetzt wurden sie vom Sockel gestürzt. Eine Statue eines dieser Peiniger stand bis vor einer Woche noch in einer Stadt im Süden der Vereinigten Staaten. Dann wurde sie von Demonstranten in einen nahe gelegenen Teich entsorgt.

 Es gab Sklaverei in ganz Amerika und in anderen Teilen der Welt und es gibt sie in Form von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen auch heute noch in vielen Ländern. Millionen Menschen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und mussten unter grausamen Bedingungen für den Reichtum einiger weniger arbeiten. Es ist ein bleibendes Schandmal, dass  auch christliche Nationen sich trotz des Protestes Einzelner über lange Zeit am Sklavenhandel beteiligten.

Erst im Jahre 1865 nach dem Ende des Sezessionskrieges zwischen den Nord- und Südstaaten der USA  wurde die Sklaverei in den USA offiziell abgeschafft. Zu diesem Zeitpunkt lebten allein in den Südstaaten der USA vier Millionen schwarze Sklaven. Im Jahre 1865 erhielten die ehemaligen Sklaven nominell Bürgerrechte. Aber noch 1955 durften Schwarze nicht neben Weißen in Bussen sitzen. Sie bekamen den hinteren Teil des Busses zugewiesen. Wenn ein Weißer  eintrat, der vorne keinen Platz fand, mussten sie aufstehen und ihm eine ganze Sitzreihe frei machen, damit er dort allein Platz nehmen konnte. Am 1.Dezember 1955 stieg in Montgomery, Albama die schwarze Näherin Rosa Parks (1913-2005) müde von der Arbeit in einen  Bus ein und setzte sich. Als ein weißer Mann in den Bus einstieg, sollte sie ihm Platz machen. Sie weigerte sich, so dass der Busfahrer die Polizei rief und sie verhaftet wurde. An diesem Tag begann die schwarze Bürgerrechtsbewegung, die mit dem Tod von Martin Luther King einen vorläufigen Höhepunkt fand.

Überall wo Menschen diskriminiert werden oder wehrloses Leben gefährdet ist und wo die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird, müssen wir unsere Stimme erheben. Früher gab es die Sklaverei. Es ist wie ein blinder Fleck im Denken der Menschen von damals. Die Gründer der Vereinigten Staaten schrieben in der „Declaration of human rights“ (Deklaration der Menschenrechte) in ihrer Verfassung: „Alle Menschen sind gleich geschaffen   und  mit von ihrem Schöpfer bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“. - Zu gleicher Zeit hielten sich die gleichen Menschen Sklaven zu ihren Diensten.

Rassismus und Diskriminierung haben schon genug Unheil und Leid verursacht.

Es ist gut, wenn Menschen in aller Welt bei Demonstrationen dagegen aufstehen.

Aber wir sollten uns auch fragen, ob es in unserem Denken nicht auch einen „blinden Fleck“ gibt. Ich denke z.B. an die Abtreibung. Jedes Jahr kommen in Deutschland Kinder nicht zur Welt, die lebensfähig wären, so viele wie eine Stadt  mit hunderttausend Einwohnern. Liegt hier nicht auch Diskriminierung vor? Sie hätten unsere Mitbürger werden können. Sie könnten unsere Lehrstellen ausfüllen, an unseren Universitäten studieren, uns pflegen, wenn wir alt werden, ja sogar unsere Renten bezahlen, Aber vor allem könnten sie sich des Lebens freuen und unser eigenes Leben erfüllen. Sie konnten  nicht unsere Mitbürger werden, weil man ihre Entwicklung dazu unterbrochen hat.

Nie werde ich die bitteren Tränen der jungen Frau vergessen, die wegen Schmerzen in Unterleib  nach einer Abtreibung zu mir in die Sprechstunde kam. Sie war schwanger geworden. Sie war noch in der Ausbildung. Ihr Freund hatte sie mit dem Problem allein gelassen. Mit den Eltern konnte sie nicht darüber sprechen. Sie hätten sie zuhause hinausgeworfen. Sie sagte dann: „Sie sind der einzige, mit dem ich darüber sprechen kann“ und schilderte die Kälte und die Einsamkeit, die sie in der Klinik erlitten hatte. Und am Schluss sagte sie: „Ich wollte das alles doch gar nicht“. - Sie war letztlich wie so viele ein Opfer  der Hartherzigkeit ihrer Umgebung.

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