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HERZ ZEIGEN

Geschrieben am 19.06.2020
von Joachim Heisel

Heute feiert die Kirche das Fest des Herzens Jesu. In der christlichen Mystik spielt das Herz Jesu eine besondere Rolle. Im Evangelium des Johannes heißt es nach dem Tod Jesu am Kreuz: „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser daraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt (Joh 19,32-35)“.  - Der dies bezeugt, der Apostel Johannes, ist der gleiche, der beim Abschiedsmahl Jesu an seiner Seite ruhte und seinem Herzen nahe stand. Leonardo da Vinci (1452-1519) hat diese Szene in seinem weltberühmten Gemälde im Kloster Santa Maria delle Grazie in Mailand aus dem Jahr 1495 so bewegend dargestellt und Andy Warhol hat es in die moderne Pop-Kultur übersetzt .

Die christlichen Kirchenväter der ersten Jahrhunderte sahen in der erschütternden Szene des Lanzenstosses in das Herz des Erlösers ein Symbol für die Gnade der Erlösung, die aus dem Herzen Jesu kam. Als am Kreuz eine Lanze sein Herz durchbohrte, war dies das erschütternde Symbol der äußersten Hingabe auch seines physischen Lebens an den Vater und an die Mission, die ihm der Vater aufgetragen hatte. Nach der Überlieferung vollführte den Lanzenstoss der römische Centurio Longinus, der das Kommando bei der Hinrichtung hatte und der der Legende nach später Christ wurde und als Märtyrer starb.

Von alters her spielt das Herz als Symbol für das Zentrum der Person eine besondere Rolle.

Von daher ist auch die Herz-Jesu-Verehrung zu verstehen. Das Herz ist hier das Symbol für die ganze Person, die liebt, wie ja auch Liebende Herzen in Bäume ritzen und sie mit ihren Initialen als Symbole unverbrüchlicher Liebe dieser beiden Personen versehen.

Das Herz ist als Zentrum der Person Brennpunkt des Erlebens und Empfindens. Das drücken die vielen Worte aus dem Alltag aus, die mit „Herz“ in Verbindung stehen.

Man sagt z.B. :

Er hat ein gutes Herz

Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck

Man hat jemanden von Herzen gern

Es liegt jemandem am Herzen

Jemand hat sein Herz in Heidelberg verloren…

Mir ist so schwer ums Herz

Jemandem sein  Herz öffnen

Das nagt mir am Herzen

Es war mir leicht oder schwer ums Herz

Man bezeichnet jemanden als  herzlos, hartherzig, kalt- oder warmherzig

Antoine de St. Exupery (1900-1944), der französische Schriftsteller, sagt in seiner Novelle „der kleine Prinz“: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. - Gewiss ist auch der Verstand wichtig. Man sagt ja auch „mit Herz und Verstand“ soll man alles machen. Aber richtig gut sieht man oft nur mit dem Herzen, vor allem, wenn es sich um Menschen  handelt. Das Herz ist der Ort, wo wir alles hineinlegen oder ablegen können, was uns berührt, was uns froh, aber auch was uns  müde und traurig machen kann.

Der heilige Papst Johannes XXIII. (1881-1963) sagte einmal: Im Herzen Jesu finden alle meine Probleme ihre Lösung

Im Jahre 1675 hatte die fromme Nonne Margareta Maria Alacoque (1647-1690) in Paray-le Monial, Frankreich eine Vision, in der Jesus auf sein Herz hindeutete und ihr sagte, sie solle bewirken, dass ein neues Fest in der Kirche gefeiert werde, nämlich das Herz-Jesu-Fest. Hundert Jahre später- so lange dauert es manchmal in der Kirche (auch das sollte uns zu denken geben) -, wurde von Papst Clemens XIII. (1693-1769) dieses Fest in den Kirchenkalender eingeführt und im Jahre 1856 auf Bitten der französischen Bischöfe für die ganze Kirche vorgeschrieben. Auch heute noch ist Paray-le Monial einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte in Frankreich und der ganzen Welt.

Das 17. Jahrhundert war in Frankreich vom Rationalismus bestimmt. René Descartes (1596-1650) hatte mit seinem Wort „je pense-donc je suis“ (ich denke-also bin ich) das Wesen des Menschen auf seine Fähigkeit zum Denken reduziert. Zur gleichen Zeit lebte in Frankreich der Mystiker und große Philosoph Blaise Pascal (1623-1662), der sagte: „Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt“. So kann man die mystische Bewegung, die die bescheidene Nonne ausgelöst hat auch als Gegengewicht zum Zeitgeist verstehen. Der Mensch der „reinen Vernunft“ als Ideal des Rationalismus brauchte dringend eine Korrektur von Seiten des  Herzens.

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs als sich schon dunkle Wolken über Europa und der Welt zusammenzogen übermittelte die polnische Nonne Faustyna Kowalska (1905-1938)  auf Grund einer Vision die Botschaft des barmherzigen Jesus.Sie berichtete, dass Christus ihr in dieser Vision den Auftrag gab, ein Bild zu malen, auf dem er selbst auf sein Herz zeigt, von dem zwei helle Strahlen als Symbol von Liebe und Barmherzigkeit ausgehen und das die Unterschrift trägt: „Ich vertraue auf Dich“. Der heilige Johannes Paul II (1920-2005) hat als Echo auf diese Botschaft der polnischen Nonne den Sonntag der Barmherzigkeit am zweiten Sonntag nach Ostern am 30.4.2000 anläßlich der Heiligsprechung von Faustyna Kowalska in den Kalender der Kirche eingefügt. Angesichts des unvorstellbaren Ausmaßes von „Hekatomben menschlicher Schuld“ -so nannte es Theodor Adorno- die das 20. Jahrhundert in der Folge von Kriegen, Holocaust, Bombenterror, des Grauens von Konzentrationslagern und Gulags, Vertreibungen  und Völkermorden angehäuft hat, bedarf es eines Übermaßes der Barmherzigkeit Gottes und seiner verzeihenden Liebe, denn nur er kann letztlich verzeihen und den Menschen trotz aller Schuld weiter leben lassen.

Für mich verbindet sich das Bild des Barmherzigen Jesus der heiligen Schwester Faustyna mit der Geschichte eines Patienten, dessen Frau gestorben war und der nun ziemlich verwahrlost in seiner Wohnung lag. Er wurde von einer Sozialschwester versorgt. Bei einem Hausbesuch hatte ich ihm zusammen mit der Sozialschwester dringend empfohlen, bei seinem sich immer weiter verschlechternden Zustand ins Krankenhaus zu gehen. Das lehnte er vehement ab. An der Wand seines Zimmers hing nur das Bild des Barmherzigen Jesus von Schwester Faustyna, das wohl seine Frau dorthin gehängt hatte. Später dachte ich dann bei mir: Vielleicht wollte er nicht aus seiner Wohnung, weil ihn das Bild an seine verstorbene Frau (vielleicht aus Polen) erinnerte, die sich sehr liebevoll um ihn gekümmert hatte.

Für den Gläubigen findet sich im menschlichen und göttlichen Herzen Jesu ein Ort, wo alles auch menschliche Verstehen und Trösten sowie menschliche und göttliche Vergebung  seinen Platz hat. Vor Jahren machte ich mit Freunden eine Wanderung im Großarltal im Salzburger Land. Unterwegs kehrten wir in einer alten Berghütte ein, die von einer alten Sennerin  bewirtschaftet wurde. An der Wand hingen bestickte Tücher. Die Sennerin erzählte uns, daß diese Tücher von jungen Frauen in der Zeit der Verlobung gestickt wurden. Auf einem der Tücher stand der Spruch: Heiligstes Herz Jesu, sei du meine Liebe.

Das kann einen doppelten Sinn bedeuten. Auf der einen Seite soll sich der Christ in Liebe Jesus zuwenden also auf sein die Menschen liebendes Herz vertrauen, andererseits soll unsere Liebe gewissermaßen wie die Liebe des Herzens Jesu sein: hingebend, verzeihend und barmherzig. Ich denke, wir brauchen in unserer manchmal herzlosen, kalten, profit-, leistungs- und genussorientierten Zeit wieder mehr Herz für andere und für den Gläubigen auch mehr Bezug zum Herzen Jesu und seine Verehrung.

Als ich Kind war und wir kurz nach dem Krieg mit meinen Großeltern zusammen in einem Haus wohnten, hatte ich das Malheur, dass ich bei meinen Spielen im Treppenhaus eine Herz-Jesu-Gipsfigur, die dort stand, von ihrem Sockel herunterstieß und sie in Scherben am Boden lag. Meine Großmutter war darüber sehr traurig. Wahrscheinlich hatte sie diese Figur ihr Leben lang begleitet und ihr bei der Trauer über den Tod  zweier Söhne im Krieg  Trost gegeben. Meine Mutter war froh, dass die „kitschige Gipsfigur“ nicht mehr im Flur stand. Unabhängig von diesen uns manchmal etwas kitschig erscheinenden äußeren Formen, lohnt es sich, zum Kern dieser Frömmigkeit vorzustoßen und ihre Botschaft der Barmherzigkeit und des Trostes wieder verstehen zu lernen.

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