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LOCKERUNGEN

Geschrieben am 24.06.2020
von Joachim Heisel

Freiwillig gezwungen haben wir uns von Corona fesseln lassen müssen. Wir haben in der Zeit Gehorsam und Verzicht gelernt, aber dürfen jetzt Freuden erleben, die wir sonst nicht gehabt hätten. Motto: Gehabte Schmerzen hab ich gern (Wilhelm Busch  1832-1908). Noch stehen wir auf nicht absehbare Zeit weiter unter den Corona-Gesetzen, die aber u.U. vor allem lokal  wieder verschärft werden können. Aber der Mensch lebt vom Gegensatz. Wenn es ein paar Tage geregnet hat, freut er sich, wenn endlich wieder die Sonne scheint. In einem heißen Sommer führen ein paar kühlere Tage zu Freude und Erleichterung. So ist es auch mit den Lockerungen nach den Corona-Beschränkungen. Wir freuen uns über einen Besuch im Biergarten oder im Museum, weil er lange Zeit nicht möglich war. Jetzt genießen wir es, dass das soziale Leben wieder in Schwung kommt, denn es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist (Gn 2,18). Besuche und Treffen sind auch in größerem Rahmen wieder möglich. Es locken Berge und Seen zu gemeinsamen Wanderungen. Man sieht die Landschaft mit anderen Augen und auch die Bilder im Museum haben etwas Besonderes, weil wir mit einem Mal merken, dass sie nicht selbstverständlich sind.

Wir haben Verhaltensweisen erlernt, die auch weiter Bestand haben können und müssen.

In einem Artikel in der SZ vom 18.6.von Carlo Ratti steht in der Überschrift: Wird das Büro ein Opfer der Pandemie? Das wäre schade - denn Austausch nicht nur im engsten Kreis fördert Innovationen.

Viele Firmen planen jetzt schon, auch nach Ende (aber wann?) der Social-Distance-Regeln Home-Office für ihre Mitarbeiter zur Regel zu machen. Doch Zoom schafft keine Nähe. Zwar können wir auch von unserem Garten oder Balkon aus mit anderen kommunizieren, aber die Bindungen, die wir dabei aufbauen, sind blass. Es wäre falsch zu glauben, dass der reine Austausch von Fakten genügt. Auch bei scheinbar nüchternen Besprechungen ist immer der ganze Mensch beteiligt. Zwar weitet sich mit den digitalen Medien der Kreis unserer Beziehungen, aber diese sind flacher und flüchtiger. Wenn das gemeinsame Mittagessen mit den Kolleginnen und Kollegen in der Cafeteria  und der Small-Talk im Büro fehlt, kann eine soziale Auszehrung eintreten, die auch zu Ideenarmut führen kann. Die Ausdünnung sozialer Kontakte hinterlässt Spuren nicht nur im Gemüt sondern auch in der Wirtschaft.

Wir alle sind getragen vom sozialen Milieu, das uns umgibt – im Guten wie im Schlechten. Die Fernsehsendung Rosenheim-Cops mit dem vor kurzem verstorbenen Joseph Hannesschläger als Kriminalkommisar lebt geradezu davon. Das Vergnügliche an dieser Sendung ist, dass Dienstliches und Privates ineinander fließen und sich ein menschliches und soziales Gewebe ergibt, das die Protagonisten trägt und neben den harten Kriminalfällen, die es zu lösen gilt, zu manchen vergnüglichen Randgeschichten führt. Auch im wahren Alltag spielen Kontakte aus der Arbeit im privaten Leben eine Rolle.

Vielleicht müssen wir nach der Coronakrise ein neues Gleichgewicht finden zwischen rationaler Gestaltung der Arbeitswelt und den notwendigen Bedingungen einer Orientierung am Grundstatus des Menschen als Wesen, das von und mit Beziehungen lebt und arbeitet.

 

Andere Lockerungen:

In der sog. sexuellen Revolution der 1968er Jahre wurden bisherige Regeln und Konventionen  in Frage gestellt und gelockert bzw. als überflüssiger und hinderlicher Ballast über Bord geworfen. Jedoch haben die Lockerungen im Sinne der sogenannten. sexuellen Befreiung n nicht unbedingt dazu geführt, dass das Sexualleben unbeschwerter und reicher wurde. Die weitgehende Entkoppelung der Sexualität von der Weitergabe des Lebens und die damit verbundene ständige Verfügbarkeit der Frau haben mit dazu beigetragen, Sexualität zum inflationären Konsumgut zu machen.

Hierzu schreibt der Münchener Psychoanalytiker Wolfgang Mertens in seinem Buch Psychoanalyse, Geschichte und Methoden: „Sexualität ist in unserem Jahrhundert zur Ware geworden, und mit diesem Merkmal hat sie das Überraschende, Einmalige, Nicht-Berechenbare und Nichtkäufliche offensichtlich verloren…wohin man auch blickt gibt es zur gleichen Zeit auch die Diskussion über die sexuelle Lustlosigkeit als verbreitetes soziales Phänomen…Es scheint, dass die vermarktete Sexualität nicht lustvoller, kreativer oder entspannter geworden ist. Eher herrscht das Gegenteil vor: Die Ware Sexualität wird oftmals konsumiert wie fast food“.

Früher gab es sicherlich viel allzu Strenges und Übertriebenes, was vor allem ängstliche Naturen zu Skrupulanten machen konnte und  neurotischer Entwicklung den Boden bereitet hat.  Aber es gab auch Leitlinien für eine sinnvolle Integration der Sexualität in ein gelingendes Leben über den momentanen Drang und Anspruch sexueller Befriedigung hinaus.

Heute sitzen in den Wartezimmern  der Psychiater oder Psychotherapeuten oft  Menschen, die dem sexuellen Leistungsdruck und Anspruchsdenken  nicht gewachsen sind oder dauernd wechselnde Beziehungen psychisch nicht verkraften, denn  folgenlos sind auch diese Beziehungen nicht. So kam vor einiger Zeit eine junge Frau wegen eines grippalen Infekts in die Sprechstunde. Aber plötzlich fing sie an zu weinen. Auf meine Äußerung hin, dass sie doch nicht ernstlich krank sei, kam dann heraus,  ihr Freund habe sie betrogen, aber sie müsse aus finanziellen Gründen weiter in derselben Wohnung zusammen mit ihm leben. „Das geschieht mir nun schon zum zweiten Mal“, schluchzte sie. - Wie sehr leiden viele Menschen unter der Unzuverlässigkeit ihrer Beziehungen – es ist der Preis für die Ungebundenheit, den sie zahlen müssen.

Laut Shell-Jugendstudie von 2019 (Repräsentative Befragung von 12-25 jährigen Jugendlichen) sind für Jugendliche stabile Beziehungen im Nahbereich von Familie und Partnerschaft noch wichtiger als z.B. Eigenverantwortlichkeit (89%). Das konterkariert in gewisser Weise den Lebensstil der in den öffentlichen Medien häufig propagiert wird. Allerdings sind Treue und Verlässlichkeit nicht zum halben Preis zu haben.

Wenn ich in der Wüste bin, kann ich nach allen Seiten hin marschieren. Es gibt aber nur eine Richtung, die geradezu lebensrettend ist, wenn ich kein Wasser mehr habe, nämlich die Kompassrichtung zur nächsten Oase, auch dann, wenn eine Fata morgana mir ein anderes Ziel vorgauckelt. Es ist eine sinnvolle Beschränkung, wenn ich diese eine Option wähle und alle anderen beiseite lasse. So ist es auch im Leben: Sinnstiftende Orientierung geht nur mit Festlegung auf ein Ziel. Dies widerspricht allerdings dem postmodernen Lebensgefühl, das uns ein Leben in Segmenten ohne sinnübergreifende Einheit empfiehlt. So erhalten wir oft fragmentierte Lebensläufe in einer Single-Kultur.

Inwieweit es auch richtig sein kann, gefasste Lebensziele zu revidieren, hat mir  das Beispiel einer 35 jährigen sympathischen jungen Patientin vor Augen geführt. Sie kam zur Ursachenklärung eines von ihrer  Hausärztin festgestellten erhöhten Blutdrucks in die Sprechstunde. Bei der Anamnese gab sie an, Ovulationshemmer einzunehmen. Sie war verheiratet und hatte eine Tochter. Als ich sie fragte, ob sie denn keine weiteren Kinder mehr haben wolle, sagte sie: „Eigentlich doch, aber wir haben ein Haus gekauft und ich muss deshalb halbtags arbeiten“. Ich sagt ihr, dass der hohe Blutdruck auch von der Pille kommen könne. Außerdem erklärte ich ihr, dass sie in ihrem Alter den Kinderwunsch nicht mehr lange vor sich her schieben könne. Sie hörte mir aufmerksam zu und meinte dann, sie werde die Pille absetzen und den Blutdruck bei der Hausärztin kontrollieren lassen. Nach einigen Monaten erreichte mich dann die Nachricht, sie sei jetzt glücklich im 4. Monat schwanger und ihr Blutdruck sei völlig normal.

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