UMKEHR

Geschrieben am 29.01.2021
von Joachim Heisel


Silvija und Gints sind ein Ehepaar. Sie sind in der Zeit des Kommunismus in Lettland aufgewachsen und waren Atheisten. Beide waren gemeinsam jahrelang in einer gynäkologischen Klinik  tätig und führten dort jeden Tag Abtreibungen durch. Gints war Leiter der Klinik, die sie zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen betrieben. An der Universität hatte man sie während des Medizinstudiums Richtlinien gelehrt, die Abtreibungen rechtfertigten. Wenn eine Frau ihr Kind nicht haben wollte, sollte sie das Recht auf Abtreibung haben. In den ersten drei Monaten galt der Embryo nur als Zellhaufen, den man ohne weiteres entfernen konnte.

Doch eines Tages fingen Silvija und Gints an, an ihrem Tun zu zweifeln. Ausgelöst wurde das durch eine tiefe Ehekrise, die sie  an den Rand ihrer Existenz brachte. Silvija konnte einen Fehltritt von Gints nicht verzeihen. Sie hatten zwei kleine Kinder und konnten ihre Krise nicht in den Griff bekommen. Da entsann sich Silvija an ein Wort ihrer Großmutter, die immer sehr lieb zu ihr war und für sie den Rosenkranz betete. Sie hatte einmal zu ihr gesagt: „Vergiss nicht, Silvija: Gott schaut auf dich. Er sieht dich immer. Handle so, dass du ihm gefällst“.

Da ging Silvija ein Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf: Ich muss Gott finden. Sie sprach mit Gints, und sie nahmen Kontakt auf mit einem lutherischen Pastor. Er riet ihnen, im Evangelium zu lesen. Dadurch kamen sie wieder ins Gespräch miteinander. Es waren die einzigen Gespräche, die nicht in Streit endeten. Eines Tages sagte ihnen der Pastor, sie müssten mit den Abtreibungen aufhören. Sie folgten seinem Rat, nachdem sie auch selbst erkannt hatten, dass bei einer Abtreibung nicht bloß ein Zellhaufen entfernt, sondern ein ungeborener Mensch getötet wird.

Silvija und Gints begannen, mit wissenschaftlichen Argumenten auch ihre Kollegen vom Unrecht der Abtreibung  zu überzeugen und hatten in vielen Fällen Erfolg. Sie halten nun Vorträge im ganzen Land und haben eine Bewegung ins Leben gerufen, die für das Recht auf Leben eintritt. Sogar ins lettische Parlament wurden sie eingeladen.

Silvija sagt zu den Frauen, die abtreiben wollen: „Das, was sich in deinem Bauch bewegt, ist d e i n Kind“ und ermutigt sie, dieses Kind auf die Welt zu bringen ,und sie hilft ihnen Lösungen für die Probleme zu finden. Viele Frauen  kommen später und bedanken sich dafür, dass Silvija sie von einer Abtreibung abgehalten hat. Sie können nicht mehr verstehen, dass sie in einem Augenblick der Not und Verwirrung so handeln wollten.

Silvija erinnerte sich daran, dass sie katholisch getauft war. Sie und Gints begannen, sich mit dem katholischen Glauben zu beschäftigen und Katechismusunterricht zu nehmen. Schließlich konnten sie ihren Ehebund vor Gott erneuern, indem sie auch kirchlich heirateten, was sie beide sehr glücklich gemacht hat. Sie streiten zwar manchmal immer noch aber ohne die Bitterkeit, die ihre Ehe beinahe zerstört hätte.

Nacherzählt aus dem Buch: Der Tanz nach dem Sturm von José Miguel Cejas, Lebenszeugnisse von Christen in den Baltischen Ländern und Russland, erschienen im Fe-Medien-Verlag Kißlegg

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