TRIFELSRUHE

Geschrieben am 14.07.2021
von Joachim Heisel


Auf einer Fahrt durch die Pfalz kam ich an der Reichsburg Trifels vorbei, die zur Zeit der Staufer (1088-1330) ein bedeutendes Machtzentrum war und die sogenannten Reichskleinodien beherbergte. Das waren mit Krone und Zepter die äußerlichen Zeichen kaiserlicher Macht. Heute kann man sie im Burgmuseum als Nachbildung besichtigen. Ein prominenter Gefangener der Burg war der englische König Richard Löwenherz (1157-1199).

Auf Grund der Corona-Einschränkungen konnte ich nicht hinauf zur Burg sondern kam nur bis zum Parkplatz einer Naturbegräbnisstätte mit Namen Trifelsruhe, einem Waldfriedhof, wo gerade eine Bestattung stattgefunden hatte. An einer Stelle im Wald stand noch ein Koffer mit Utensilien einer Trauerzeremonie. Gegenüber in den wolkenverhangenen Himmel ragt der Trifels mit seiner Burg hoch auf. Den Berg hinauf liegen verstreut  im Wald zu beiden Seiten des Weges große Sandsteinfindlinge, auf denen Buchstaben und Zahlen stehen, jeder Stein für einen Verstorbenen,  alles  idyllisch eingebettet in den Bergwald; am Eingang ein Brunnen mit steinerner Fassung, aus dem ständig Wasser in das Steinbecken fließt. Vor einem aufgelassenen alten Steinbruch sind einige Stühle als „Andachtsstätte“ aufgestellt. Mittendrin im Gelände steht verloren ein einfaches Balkenkreuz aus rohen Baumstämmen, daneben ein kleiner Fischteich.

Im geschichtsträchtigem Vis-à-Vis mit der Burg und erdverbundener Natur hat diese Ruhestätte poetischen Reiz. Alles deutet auf Rückkehr zur Natur, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der Beschreibung der Begräbnisstätte heißt es: Die Natur sorgt für die Grabpflege. Für Menschen, die sich als Produkt von Natur und  Evolution betrachten durchaus im Sinne des weit verbreiteten  evolutionären Zeitgeistes. Mir kommt ein Spruch in den Sinn, den Joachim Fernau auf seinen Grabstein  auf dem Bogenhausener Friedhof in München  hat eingravieren lassen:

„Unter Straßensteinen warten viele Blumen, die vom Blühen träumen, warten, dass mein Fuß einmal nicht mehr geht“.

Es scheint, dass viele Menschen sich heute nicht mehr in einer Folge von Generationen eingebettet sehen und auch nicht an ein Weiterleben nach dem Tod glauben, sodass es nur logisch erscheint, dass sie ohne Spuren zu hinterlassen aus dieser Welt scheiden möchten. Ihnen genügt die gefühlte Ewigkeit von achtzig oder neunzig Jahren, die ihnen die medizinische Wissenschaft erobert hat. Es reicht ihnen, wenn sie dieses Leben in jedem Moment voll ausschöpfen.

Aber in stillen Augenblicken wünschen sie sich vielleicht doch, dass Liebe bleibt. Liebe aber ist untrennbar mit Leben verbunden.

Ich erinnere mich an einen Patienten, der mich nach dem Tod seiner Frau fragte, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube. Wir kannten uns gut und als er meine Antwort hörte, stand er  auf, umarmte mich und sagte ganz bewegt: Dann darf ich meine geliebte Frau einmal wiedersehen.

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke (1875-1926) drückt es so aus: 

Wenn etwas uns fortgenommen

wird,

womit wir tief und wunderbar

zusammenhängen,

so ist viel von uns selber mit

fortgenommen.

Gott aber will, dass wir uns

wiederfinden,

reicher um alles Verlorene und

vermehrt um jenen unendlichen

 Schmerz

Der heilige Paulus sagt dazu im zweiten Brief an die Korinther: Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig. Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel (2Kor 4,18-5,1)

Nächster Blogbeitrag 16.7.21