ZEITKRANK

Geschrieben am 13.08.2025
von Joachim Heisel


Viele Menschen sind heute zeitkrank. Ihnen fehlt Zeit wie anderen Leuten die Gesundheit. Dabei ist eigentlich genug Zeit da. Im Durchschnitt schaut jeder Bundesbürger drei Stunden Fernsehen am Tag. Vor allem Jüngere verbringen viel Zeit mit dem Handy. Aber wenn man jemanden fragt, ob er einem Kranken einen Besuch machen kann, hat er oft keine Zeit.

Das Wertvollste, das man einem Menschen schenken kann, ist Zeit.  Arbeit wird vor allem nach Zeit bezahlt. Stechuhren bestimmen die Zeit der Arbeit. In Alten- und Pflegeheimen werden Zeitschlüssel erstellt, in wie vielen Minuten jemand gefüttert, gekämmt oder gewaschen werden muss. Angehörige haben keine Zeit, um das bei ihren Eltern zu tun. Mütter haben keine Zeit, um bei ihren kleinen Kindern zu sein, weil sie sich für andere Tätigkeiten Zeit nehmen müssen, für die sie bezahlt werden. Sie delegieren die Kinderbetreuung an andere, die zwar auch keine Zeit haben, aber da-durch, dass sie dafür bezahlt werden, dann doch Zeit haben.

Eine junge Lehrerin mit mehreren Kindern sagte auf die Frage, warum sie nicht in einer Schule unterrichte: „Warum soll ich meine Kinder von fremden Leuten erziehen lassen, um fremde Kinder erziehen zu können? Ob wir für etwas Zeit haben oder nicht, hängt davon ab, wie wichtig es für uns ist.

Viele Mütter sind allerdings aus ökonomischen Gründen gezwungen, zur Arbeit zu gehen, weil sonst das Geld nicht reicht oder auch, weil sie finanziell unabhängig sein wollen bzw. alleinerziehend sind. Auch möchten viele Frauen nach einer anspruchsvollen Berufsausbildung  arbeiten. Hier müsste mehr geschehen, um das mit "family care" vereinbar zu machen.

Wenn eine Gesellschaft keinen Raum mehr lässt für das, was unserem Leben über den täglichen Konsum hinaus Sinn gibt − und das sind mit an erster Stelle Kinder und Familie −, dann ist sie krank und wird auf Dauer nicht überleben können. Sinn kann uns letztlich nur das geben, was über den jeweiligen Tag hinaus Bestand hat. 

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