Auf dem Marktplatz der Stadt Trier steht der Petrusbrunnen, der mit dem Standbild des hl.Petrus, des Stadtpatrons, gekrönt ist. Der Trierer Stadtrat ließ ihn im Jahre 1595 von dem Trierer Bildhauer Hans Ruprecht Hoffmann im Renaissance-Stil errichten. Er schuf auch die Kanzel im Dom mit den Fresken über die Werke der Barmherzigkeit.
Man sieht über dem Brunnenbecken vier Frauenfiguren, die als gleichnishafte Darstellungen die vier sogenannten Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Maß verkörpern. Der Name „Kardinaltugenden“ kommt aus dem Lateinischen von cardo (Angelpunkt, Türangel) und gibt damit der Bedeutung dieser sittlichen Grundhaltungen für das Gelingen menschlichen Lebens Ausdruck, indem die Beachtung oder Nicht-Beachtung dieser Tugenden den Kurs des Lebensschiffs des einzelnen und das der Gesellschaft entscheidend beeinflussen. Das war auch der „pädagogische“ Hintergrund der damaligen Stadtväter, den Bürgern ihrer Stadt, diese Tugenden nahezulegen. So lautet die Übersetzung der lateinischen Inschrift auf dem Brunnen: Glücklich ein Gemeinwesen, wo Klugheit das Zepter hält, wo die heilige Gerechtigkeit die Guten schützt und die Schuldigen mit dem Schwerte richtet, wo Starkmut im Unglück herrscht und Mäßigung alles zum besten lenkt.
Schon der griechische Philosoph Plato sowie Cicero und Seneca hielten die vier Kardinaltugenden für sehr wichtig und Ambrosius, ein Sohn der Stadt Trier, führt sie in die christliche Tradition ein.
Mass oder Mässigkeit
Die allegorische Gestalt der Tugend der Mäßigung gießt aus einem Krug Wasser in einen Pokal mit Wein als Symbol des rechten Maßes. Hierzu fällt mir eine Anekdote aus vergangenen Zeiten ein, als es in den Orten an der Mosel noch große Pfarrhäuser mit eigenen Weinbergen gab, mit einem Pfarrherrn und mehreren Kaplänen, die eines Abends noch kräftig feierten als der Pfarrherr längst zu Bette war. Als der Wein ausging, schickten sie die Pfarrhaushälterin mit einem Zettel zum Pfarrherrn. Darauf stand: "Herr, sie haben keinen Wein mehr." Als Antwort kam ein anderes Zitat, ebenfalls aus der Szene der Hochzeit von Kanaa (vgl. Lkmit Worten Marias und ihres Sohnes Jesus (vgl. Lk. : "Füllet die Krüge mit Wasser".
Das Maß-Halten ist sicher gerade heute im Zeitalter der sogenannten bis jetzt bei uns immer noch vorhanden Wohlstandsgesellschaft eine äußerst aktuelle Tugend. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit standen dem Menschen so viele materielle Güter zur Verfügung wie heute. Nur wer im Gebrauch der Güter dieser Welt das rechte Maß einhält, kann sie „ohne Reue“ genießen. Das gilt wohl weniger für Wasser wie hier am Brunnen als für andere Getränke und die Bereiche unseres Lebens, die mit Konsum zusammenhängen z.B. Gebrauch der Medien, Freizeitkonsum oder Essverhalten. Als Christen sollen wir auch immer Maß an Christus nehmen, der gesagt hat: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt aber an seiner Seele Schaden nimmt. Das rechte Maß würde manches in unserem Leben erleichtern und auch manches körperliche Leiden unserer Überflussgesellschaft verhindern, denn wer das rechte Maß nicht einhält, leidet nicht nur Schaden an seiner Seele sondern auch an seinem Körper.
Gerechtigkeit
Bereits im 6. Jh sagte Gregor der Große: „Wenn wir den Armen das unbedingt Notwendige geben, machen wir ihnen nicht freigiebige persönliche Spenden, sondern geben ihnen nur das zurück, was ihnen gehört. Wir erfüllen damit viel eher eine Pflicht der Gerechtigkeit, als dass wir damit eine Tat der Nächstenliebe vollziehen“, sagte Gregor der Große.
Was hier der hl. Papst Gregor im 6. Jahrhundert in einer zeitlos gültigen Klarheit formuliert hat, gilt erst recht im globalen Dorf des 21. Jahrhunderts. Wie kann es sein, dass in einer Straße Leute wohnen, die nicht nur genug zu essen haben, sondern sich auch noch jeden erdenklichen Luxus leisten können, wenn gleichzeitig hinter der nächsten Ecke manche Mütter nicht wissen, was sie morgen ihrem Kind zu essen geben sollen.
Gerechtigkeit ist eine Forderung, die sich aus der fundamentalen Gleichheit der Menschen als Kinder Gottes ergibt. Die Gerechtigkeit wird mit Waage und Schwert dargestellt. Gerechtigkeit lässt jedem zukommen, was ihm zusteht. Das Schwert deutet auf die richtende Seite der Gerechtigkeit. Hier können wir uns z.B. fragen, ob unser Urteil über andere gerecht ausfällt. Die Gerechtigkeit muss in Form von Recht und Urteil dort einschreiten, wo die sie gefährdet ist. Gerechtigkeit ist die Grundlage unserer Zivilisation. Soziale Gerechtigkeit schafft Frieden und Ordnung. In unseren persönlichen Beziehungen reicht Gerechtigkeit allein nicht aus. Ein bloß gerechter Mensch wird hartherzig, denn das Wesen des Menschen findet seine Erfüllung erst in der Liebe.
Klugheit
Bei der Figur der Klugheit deutet der Spiegel auf die rechte Selbsterkenntnis. Die Schlange ist Symbol der Klugheit schlechthin. Klugheit basiert auf der rechten Selbsterkenntnis und der rechten Einschätzung der Wirklichkeit und ist somit die Grundlage für jedes gute und vernünftige Handeln. Deshalb spricht man auch von „kluger Mäßigung“ oder „klugem Urteil“. Hierzu gehört auch, dass wir bei einem Tadel, den wir aussprechen müssen, maßvoll bleiben und den geeigneten Augenblick wählen. Auch tapfer kann nur der sein, der zugleich klug handelt. Sonst müsste man ihn als tollkühn bezeichnen, wenn er etwa leichtsinnig sein Leben aufs Spiel setzt. Wer nicht das rechte Maß halten kann, wird auch die Klugheit außer Acht lassen. Sein Sinn wird blind für die Gefahren die etwa hemmungsloses Streben nach Macht, Genuss und Geld für sich und die anderen mit sich bringt Tapferkeit. Die alten Philosophen haben die Klugheit als die Lenkerin aller anderen Tugenden betrachtet, als die auriga virtutem (lat. Wagenlenkerin).
Stärke.
Die Stärke ist mit zerbrochener Säule dargestellt. Man spricht von Charakterstärke, wenn jemand sich nicht verbiegen lässt. Stark ist auch der Mensch, der tapfer einen Schicksalsschlag erträgt und auch dann noch seine Pflicht erfüllt, wenn es schwierig wird oder Nachteile einträgt. Wer Gerechtigkeit gegen äußere und innere Widerstände durchsetzt, zeigt Stärke und Tapferkeit. Wer stark ist bleibt dem treu, was er als richtig und gut erkannt hat. Auch wenn er deshalb angefeindet oder verfolgt wird, geht er nicht davon ab. Stärke setzt eine Festigkeit voraus, die von tiefen Überzeugungen herrührt. Sie lebt davon, dass es ein Maß, eine Ordnung gibt. In einer sogenannten permissiven Gesellschaft, in der alles erlaubt ist, wird Tapferkeit und Stärke schwer zu finden sein, es sei denn sie wendet sich gegen diese Gesellschaft und erfährt damit selbst Widerstand.
Hier fallen zwei Worte von Sophie Scholl ein, die ihren Widerstand gegen das NS-Regime mit dem Leben bezahlen musste:
Das Gesetz ändert sich. Das Gewissen nicht.
Steh zu den Dingen, die du glaubst, auch wenn du allein dort stehst.
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Hinweis:
Liebe Bloggemeinde,
am Freitag, den 22. August 2025 ist ein guter Freund von mir, Dr. Johannes Roggendorf, nach längerer Krankheit in München verstorben. Mit ihm und seiner Familie bin ich schon seit Jugendzeiten in Trier verbunden.
Dr. Roggendorf gehörte dem Opus Dei an und studierte zunächst Jura. Nach einem Theologiestudium in Rom und seiner Priesterweihe im Jahre 1978 wirkte er in vielen Städten der Bundesrepublik segensreich im Bereich der Studenten- und Erwachsenenseelsorge, aber auch als Offizial der Diözese Köln sowie als Lehrer an einem Gymnasium in Jülich.
Die Beisetzung von Dr. Johannes Roggendorf findet statt am Montag 1.9.25.Requiem ist um 11.00 Uhr in der Heiliggeistkirche am Viktualienmarkt in München. Anschließend um 13.30 Uhr beginnt die Beerdigung in der Trauerhalle des Nordfriedhofs in München, Eingang Ungererstrasse. (U6-Bahnhof Nordfriedhof).