Die Schnürsenkel meiner Wanderschuhe waren zerrissen, so ging ich zu Sport Schuster am Marienplatz, wo ich die Schuhe gekauft hatte und fragte die Verkäuferin nach neuen Schnürsenkeln. Sie zählte die Ösen und sagte 1,80 m. Dann suchte sie mir die passenden heraus. Ich sagte dann: „Hoffentlich schaff ich das bei diesen vielen Ösen." Aber sie sagte aufmunternd: „Sie schaffen das!" Und als ich dann sagte: „Wir hatten eine Kanzlerin, die das auch zu uns gesagt hat" , antwortete sie mir: „Die hat hier bei mir 2017 auch Schnürsenkel gekauft." So stehe ich nun unerwartet zumindest in diesem Punkt in einer Reihe mit unserer Ex- Kanzlerin!
Danach fiel mir ein, dass im Neuen Testament auch einmal von Schnürsenkeln beziehungsweise Schnürriemen die Rede ist Es handelt sich um die Szene aus dem Lukasevangelium, in der Johannes der Täufer am Jordanufer von weitem Jesus erblickt und seine Jünger ihn fragen, wer dieser Jesus sei, und Johannes antwortete: „Ich bin es nicht wert, ihm die Schuhriemen zu lösen." (vgl. Lk 3,16)
Das Lösen der Schuhriemen galt in der Antike als Sklavenarbeit und war eine der niedrigsten Dienste. Tatsächlich, die Schnürsenkel wird man außer bei KIndern jemandem nur dann binden oder lösen, wenn er selbst dazu nicht mehr in der Lage ist, und es kostet sicher Überwindung, wenn jemand darum bitten muss.
Johannes der Täufer wollte mit seinem Ausspruch ausdrücken, dass er nur ein unwürdiger Diener Jesu war, lediglich sein Vorläufer oder Prophet. Uneigenützig wies er seine eigenen Jünger auf Jesus hin und sah sich selbst als sein Diener. So sagte er über Jesus: „Er muss wachsen. Ich muss abnehmen." (Joh 3,30)
Der Geist des Dienens gehört zur Kernbotschaft des Neuen Testaments. Christus sagt von sich: „Ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt 20,28). Als ultimativen Beweis dafür wusch Jesus beim Letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße und verrichtete damit einen Dienst, den man sonst nur Sklaven zumutete. Dann sprach er: „Wenn ich euer Meister und Herr euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr untereinander die Füße waschen." (Johannes 13,14),
Und als die Jünger wieder einmal untereinander stritten, wer von ihnen der Größte sei, rief sie Jesus zu sich und sagte: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.
Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,
und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.
Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele." (Mt 10,25-28)
Mit dem Schwinden des Christentums in unserer Gesellschaft kann auch der Geist uneigennützigen Dienens abnehmen. Ein Signal hierzulande ist u.a. das allmähliche Verschwinden der Orden, die sich der Krankenpflege widmen. Sie haben die Worte Jesu zum Motto ihres Lebens gemacht.
Die Gesellschaft wird einen hohen Preis dafür zahlen, wenn dieser Geist erlischt.
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