In der Buchhandlung Hugendubel am Marienplatz in München gibt es ein kleines Café und man kann sich dort hinsetzen und in den Büchern lesen. So kam ich auch dieser Tage dorthin und bestellte mir einen „Hot Chocolate" also heiße Schokolade. Der junge Mann hinter der Theke zauberte mit Sahne eine wunderschöne Blume darauf und reichte mir die Tasse mit einem freundlichen Bitteschön. „Das haben sie ja wunderbar hingebracht." „Schön, dass Sie es bemerkt haben“, antwortete er und freute sich über mein Kompliment.
Als ich dann mit der übervollen Tasse mir einen Platz suchte, in der anderen Hand schon ein Buch, schwappte die Schokolade über und das kleine Kunstwerk löste sich in einen weißbraunen Kringel auf. Als ich mich dann hinsetzte, saß mir gegenüber in ihr Buch vertieft eine Dame mittleren Alters. Plötzlich bückte sie sich und versuchte, eine heruntergefallene Serviette aufzuheben, die ich aber dann selber aufhob, weil ich günstiger saß. Sie sagte lächelnd: „Ja, ich wollte Ihnen meine Serviette geben, damit sie sie unter die Tasse legen können, denn ich hatte eben das gleiche Problem wie Sie."„Ja danke das ist sehr nett von Ihnen“ sagte ich und wir lasen nun gemeinsam weiter in unseren Büchern. Als sie wegging, verabschiedete sie sich mit einem freundlchen Nicken.
Keine große Sache, aber ich dachte bei mir: das ist Kultur, wenn Menschen einen Blick dafür haben, was mein Gegenüber auch in Kleinigkeiten braucht. Ich denke, davon lebt unsere Zivilisation und Kultur, dass wir solche Gesten kennen.
Dabei fällt mir immer noch ein, wie mir in der völlig überfüllten U-Bahn in Prag eine junge Frau erstmals in meinem Leben einen Sitzplatz anbot. Mir kam es damals so vor als würde mich die junge Frau mit dieser netten Geste ins Seniorenalter katapultieren.
Es ist schön, wenn Menschen so miteinander umgehen, zum Beispiel wenn jemand bereitwillig wartet, um in einer engen Straße jemand anderem die Vorfahrt zu lassen; jemand anhält, um mich über die Straße gehen zu lassen.
Nicht weit weg von uns bringen sich Europäer mit ähnlicher Zivilisation und Kultur gegenseitig um. Das zeigt, wie dünn der Firnis unserer Zivilisation ist und dass wir jederzeit daraus herausfallen können.
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