Schon jetzt und noch nicht
Christus hat keine bloße Weisheitslehre verkündet. Er predigte das Reich Gottes. Davon ist im Neuen Testament insgesamt 122 Mal die Rede. Die Verkündigung des Reiches Gottes bei Markus (griech. Basileia thou theou) oder des Himmelreiches bei Matthäus (Basileia thou uranou) ist die Schlüsselbotschaft Jesu. Das Wort Jesu: »Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch hinzugegeben werden« (Mt 6,33), zeigt die überragende Bedeutung dieser Botschaft vom Reich. Nach jüdischem Sprachgebrauch bedeutete Reich auch zugleich Herrschaft, d.h. im Sinne Jesu das Anbrechen der Macht Gottes. Es ist also eine zugleich jetzt schon hervorbrechende Wirklichkeit wie auch eine Verheißung für die Zukunft (vgl. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Eschatologie, Tod und ewiges Leben).
Die beiden Aussagen: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« vor Pilatus (Joh 18,36) und »das Reich Gottes ist mitten unter euch« (Lk 17,21) kennzeichnen die Hoffnung, von der Christus spricht. Sie trägt die beiden Aspekte des »schon jetzt« und des »noch nicht« in sich. Reich Gottes bedeutet also Himmelreich (vgl. Mt 5,3 u.a.), aber es ist auch eine Metapher für das machtvolle Wirken Gottes im Hier und Jetzt, in der gegenwärtigen Geschichte und, wenn wir so wollen, auch im Leben eines jeden Christen. Die Ankündigung »das Reich Gottes ist nahe« (Mt 3,2) bedeutet, dass dieses Reich mit Jesus schon begonnen hat und sich in die Geschichte hinein entfaltet, aber auch, dass es gewissermaßen durchlässig ist für eine jenseitige Vollendung, die auf mystische Weise bereits jetzt im Leben eines jeden Christen und aller Menschen guten Willens (Lk 2,14) ihren Anfang nimmt.
Wenn Christus sagt, »das Reich Gottes ist schon mitten unter euch« (Lk 17,21), aber andererseits »mein Reich ist nicht von dieser Welt« (Joh 18,36), stellt er sich, seine Jünger und damit die Kirche und alle Christen in diesen Spannungsbogen zwischen realer und zugleich zeichenhaft mystischer Gegenwart des mit ihm anbrechenden Reiches Gottes und der Hoffnung auf endgültige Erfüllung.
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