FEUER

Das Lied der weißen Rose

J Joachim Heisel

AUF DER PALME

Es gibt Menschen, die uns permanent auf die Palme bringen. Kaum betreten sie den gemeinsamen Raum, gehen bei uns die Signallampen an, der Herzschlag wird schneller und wir vermeiden den Blickkontakt, um uns nicht seinen oder ihren negativen Bemerkungen oder Mienen auszusetzen. Je öfter sich das wiederholt, desto schwieriger wird es für uns, anders zu reagieren.

J Joachim Heisel

IMMER NUR CHATBOTS

Ist es Zufall, dass alles, worüber wir uns beklagen, die Gereiztheit auf den Straßen, der Sittenverfall im Netz, die Atomisierung der Gesellschaft, die schwindende Orientierung, die Hoffnungslosigkeit der Jugend, der Abstieg liberaler Demokratien, der Aufstieg autoritärer Staaten in dem Moment begonnen hat als unsere Kommunikation anfing, digital und in Echtzeit abzulaufen? Und warum bekommt man, wenn man ein Problem mit dem Handy oder einer Flugbuchung hat, eigentlich kaum noch einen echten Menschen an den Apparat? Warum muss man sich immer mit Chatbots auseinandersetzen, die einen falsch oder gar nicht verstehen? Warum kriegt man immer seltener einen Namen, eine Adresse, eine Nummer, an die man sich vertrauensvoll verwenden kann?… Wir sehen doch, dass das Netz die Menschen nicht zusammenführt, voneinander entfernt, dass die Solidarität nicht zunimmt, sondern schwindet, dass uns der Rhythmus und das richtige Maß abhandengekommen sind, aber keiner traut sich, etwas…

J Joachim Heisel

GRAUER HIMMEL

Wenn wir jetzt hinausgehen in die Natur können wir uns durchaus wie Waisenkinder fühlen, die aus dem Paradies in die Unwirtlichkeit der Natur hinausgestoßen wurden. Der Himmel ist grau, die Luft nieselig, und der Fluss fließt träge und grau dahin. Die Bäume sind ohne Laub und Blätter und stoßen ihre nackten Zweige in den grauen Himmel.

J Joachim Heisel

ADVENT

Am Sonntag ist der erste Advent mit Lichtergirlanden in den Straßen, glitzernden Schaufenstern und auf dem Marienplatz in München wie alle Jahre wieder der Christbaum und darunter die Buden des Weihnachtsmarkts mit Glühwein und allerlei Zutaten für Leib und Magen, frommem Tand und nützlichen Sachen wie winterlichen Socken und Handschuhe aus Lammfell mit dazu passenden Mützen. Trotz Wirtschaftswachstumsschwäche und Raketen am Himmel der Ukraine ist gute Stimmung, auch mit einer gewissen Erwartung, obwohl vielen Menschen der eigentliche Grund des ganzen Trubels ncht mehr ganz klar ist und die Erwartung sich oft auf den Gabentisch und das gute Essen an Heiligabend beschränkt.

J Joachim Heisel

FUNDAMENTE

Gestern erschien im Münchner Merkur ein Artikel mit der Überschrift „Absagen nach Druck durch Studierende". Was war passiert? An der katholischen Hochschule der Jesuiten für Philosophie in der Kaulbachstraße in München war ein Vortrag des Heidelberger Privatdozenten für Philosophie Sebastian Ostritsch mit dem Thema „Ist Gottes Existenz eine Sache der Vernunfterkenntnis?" angekündigt, worin er sich vor allem auf Thomas von Aquin beziehen wollte. „Nach Druck von Studierenden" so heisst es in dem Artikel hat die Leitung der Hochschule Ostritsch wieder ausgeladen. „Angesichts der Begleitumstände innerhalb und außerhalb der Hochschule schien ein offener, akademischer Dialog nicht mehr möglich", teilte die Hochschule als Begründung mit, so in dem Artikel des Münchner Merkur. In einem Boykottaufruf bezeichnete eine Gruppe von Studenten Ostritsch als „rechtsextremen Fundamentalisten" und drohte mit Störungen und einer Gegenveranstaltung.

J Joachim Heisel

BURKHARD SCHEFFLER

Im November sind auch in Rom die Nächte manchmal recht kalt. Das wurde im November 2022 dem deutschen Obdachlosen Burkhard Scheffler zum Verhängnis. Seit Jahren dürfen Obdachlose in den Kolonnaden des Petersplatzes unterkommen und sich sogar, wenn es kalt wird, dort Zelte bauen. Burkhard Scheffler hatte das nicht gemacht und so wurde er an einem Morgen im November 2022 dort tot aufgefunden. Er war in der Nacht erfroren.

J Joachim Heisel

CHRISTKÖNIG

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, also morgen, feiert die Kirche das Fest Christkönig, das „Hochfest unseres Herrn Jesus Christus, des Königs der Welt“. Es wurde im Jahr 1925 von Papst Pius XI. aus Anlass der 1600-Jahrfeier des Konzils von Nizäa eingeführt. Dieses Konzil war ein Bekenntnis zu der Glaubenswahrheit, dass Christus als Sohn Gottes wahrer Gott und wahrer Mensch ist, wesensgleich mit dem Vater.

J Joachim Heisel

GESCHWÄTZ

Carl Rogers (1902 - 1987), der Begründer der personenzentrierten Psychotherapie, hat folgenden Satz geprägt: „Es ist im Leben sehr selten, dass uns jemand zuhört und wirklich versteht, ohne gleich zu urteilen. Dies ist eine sehr eindringliche Erfahrung."

J Joachim Heisel

REICHTUM

Das Evangelium lädt uns ein, die Wahrheit unseres Herzens zu erkennen, um zu sehen, worauf wir die Sicherheit unseres Lebens setzen. Normalerweise fühlt sich der Reiche sicher mit seinen Reichtümern, und er glaubt, dass, wenn diese gefährdet sind, der ganze Sinn seines Lebens auf Erden zerfällt. Jesus selbst sagte es uns im Gleichnis vom reichen Mann, wenn er von diesem sicheren Mann erzählt, der gleich einem Narren nicht daran dachte, dass er noch am gleichen Tag sterben könnte (vgl. Lk 12,16-21).

J Joachim Heisel

ONKEL RUDOLF

Am morgigen Volkstrauertag gedenken wir der Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft. Ein Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft war Rudolf, der Bruder meiner Grossmutter. Er war im Ersten Weltkrieg in einem Schützengraben verschüttet worden und hatte dabei einen schweren Nervenschock erlitten, von dem er sich nicht mehr erholte. Er sprach nur noch vom Krieg und zitterte manchmal am ganzen Körper. Nachts wachte er schweißgebadet auf und schrie, dass man es bis auf die Strasse hörte. Er lebte bei seiner Schwester Katharina, die sich fürsorglich um ihn kümmerte. Eines Tages kam ein Schreiben, in dem verfügt wurde, dass er in eine Heilanstalt eingeliefert werden müsse. Zwei Monate später kam die Nachricht, dass er an einer Lungenentzündung verstorben sei.

J Joachim Heisel

ERFÜLLTER AUGENBLICK

Das Wort „ewiges Leben“ versucht, diesem unbekannt Bekannten einen Namen zu geben. Es ist notwendigerweise ein irritierendes, ein ungenügendes Wort. Denn bei„ewig“ denken wir an Endlosigkeit, und die schreckt uns; bei Leben denken wir an das von uns erfahrene Leben, das wir lieben und nicht verlieren möchten, und das uns doch zugleich immer wieder mehr Mühsal als Erfüllung ist, so dass wir es einerseits wünschen und zugleich doch es nicht wollen. Wir können nur versuchen, aus der Zeitlichkeit, in der wir gefangen sind, herauszudenken und zu ahnen, dass Ewigkeit nicht eine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen ist, sondern etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen. Es wäre der Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt. Wir können nur versuchen zu denken, dass dieser Augenblick das Leben im vollen Sinn ist, immer neues Eintauchen in…

J Joachim Heisel

IMMERFORT

Immerfort empfange ich mich

J Joachim Heisel

SANKT MARTIN

Heute feiern wir das Fest Sankt Martin mit Umzügen und Laternen. In meiner Heimatstadt Trier ritt am Martinstag der heilige Martin mit Schwert und rotem Umhang durch das antike römische Stadttor Porta Nigra und wir Kinder standen da mit unseren Laternen und sangen das Martinslied: Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind... Tatsächlich war Martin im Jahre 386 in Trier gewesen. Allerdings war er da schon Bischof von Tours.

J Joachim Heisel

IM HAUS DES HERRN

Als Gott sich an Abraham wendet, sagt er: »Ich bin Gott, der Allmächtige. Geh vor mir und sei untadelig!« (Gen 17,1). Um untadelig sein zu können, wie es ihm wohlgefällt, müssen wir demütig in seiner Gegenwart leben, eingehüllt in seine Herrlichkeit, wir müssen vereint mit ihm gehen und seine beständige Liebe in unserem Leben erkennen. Wir müssen die Angst vor dieser Gegenwart verlieren, die uns nur guttun kann. Es ist der Vater, der uns das Leben gegeben hat und uns so sehr liebt.

J Joachim Heisel

FOR EVER ?

Vielleicht wollen viele Menschen den Glauben heute einfach deshalb nicht, weil ihnen das ewige Leben nichts Erstrebenswertes zu sein scheint. Sie wollen gar nicht das ewige Leben, sondern dieses jetzige Leben, und der Glaube an das ewige Leben scheint dafür eher hinderlich zu sein. Ewig – endlos – weiterzuleben scheint eher Verdammnis als ein Geschenk zu sein. Gewiss, den Tod möchte man so weit hinausschieben wie nur irgend möglich. Aber immerfort und ohne Ende zu leben – das kann doch zuletzt nur langweilig und schließlich unerträglich sein... Offenbar gibt es da einen Widerspruch in unserer Haltung, der auf eine innere Widersprüchlichkeit unserer Existenz selbst verweist. Einerseits wollen wir nicht sterben, will vor allem auch der andere, der uns gut ist, nicht, dass wir sterben. Aber andererseits möchten wir doch auch nicht endlos so weiterexistieren, und auch die Erde ist dafür nicht geschaffen. Was wollen wir also eigentlich? Diese Paradoxie unserer eigenen…

J Joachim Heisel

ANGST VOR DEM TOD

Jede Angst ist letztlich Angst vor Tod und Sterben. Bei einem Besuch in einem Altenheim schaute mich eine alte Patientin von unten nach oben an. Es war eine meiner letzten Besuche bei ihr vor ihrem Tod. „Herr Doktor, wir sind alle doch nur auf Abruf hier.‚ Was die Patientin auf ihre Art ausgedrückt hat, spüren wir alle: Auch mein Leben ist unsicher und gefährdet. „Media vita in morte sumus" - mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, wie es in einem alten Lied heißt.

J Joachim Heisel

ALLERHEILIGEN UND ALLERSEELEN

Heute ist Allerheiligen und morgen Allerseelen. An Allerheiligen gedenkt die Kirche aller Heiligen, vor allem derer, deren Namen uns unbekannt ist. Heilige sind Menschen, die ihr Leben auf Gott ausgerichtet haben und nach ihrem Tod zur Gemeinschaft mit Gott gelangt sind. Das braucht kein großes spektakuläres Leben gewesen sein. Als Arzt habe ich solche Menschen kennengelernt, die ihr Leben im Verborgenen für andere vor den Augen Gottes verbraucht haben. Die große Kirchenlehrerin Therese von Lisieux meinte, dass wir viele der größten Heiligen überhaupt nicht kennen.

J Joachim Heisel

TOTENMONAT

Im November feiern wir eine Vielzahl von Gedenktagen. Da sind zunächst Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November, an denen wir das christliche Andenken an unsere verstorbenen Angehörigen mit Gottesdiensten, Gebeten und Besuchen auf den Friedhöfen begehen. Gleichzeitig erinnert uns die Kirche daran, dass wir weiter in Gemeinschaft mit unseren Verstorbenen stehen und in unseren Gebeten mit ihnen in Verbindung treten können.

J Joachim Heisel

GEHEILIGT WERDE DEIN NAME

Den Namen Gottes heiligen bedeutet, sein Leben aus der Nähe zu Gott zu leben. Christus sagt zu den Jüngern: »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5,43-48). Ein anderes Mal sprach er von dem Schweren, das in seiner Nachfolge liegt: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Mt 16,24). Und dann…

J Joachim Heisel

PFLEGEFÄLLE

Jeder, der einmal einen Pflegefall betreut hat, weiß, was es bedeutet, einen Menschen rundum zu betreuen, der keine andere Perspektive hat, als dass er seinem Ende entgegengeht. Manchmal überfällt die Angehörigen das eigentlich Aussichtslose ihres Tuns und sie können bei der pausenlosen Anstrengung in eine Depression oder ein Burn-out geraten.

J Joachim Heisel

LAST MINUTE

Manchmal, wenn ich in der Stadt bin und am Marienplatz, gehe ich zur Buchhandlung Hugendubel. Dort kann man in bequemen Sesseln in Büchern herumstöbern und dabei dem Treiben auf dem Marienplatz zuschauen. An einer Wand stehen die sogenannten Spiegelbestseller. Diesmal schaue ich in das Buch von Karin Kuschik: „50 Fragen, die das Leben leichter machen". Sie ist eine bekannte Coachin und möchte mit 50 Fragen an ihre Klienten sie dazu bringen, ihr Leben besser zu bewältigen. Ihre letzte, die 50. Frage lautet: „Wäre heute ein guter Tag, um zu sterben?".

J Joachim Heisel

KIRCHEN

Kirchen sind Räume, in denen das Heilige und Unverfügbare Wohnung haben kann. Nach dem Vordringen des Profanen und dem Rückzug der Religion spricht vieles dafür, dass dieser Raum heute in gebildeten Kreisen die Kunst einnimmt. Die eigentliche Gefahr unserer Zivilisation ist aber der Verlust des Heiligen, auch der heiligen Orte, die letztlich säkular betrachtet ein Symbol des Unverfügbaren und damit unverfügbarer Werte und Menschenrechte sind. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass sich die stille Revolution in der DDR von den Kirchenräumen aus entfaltete, die selbst die atheistische Staatsmacht nicht anzutasten wagte.

J Joachim Heisel